Frei oder Freier

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Gesicherte Zahlen gibt es nicht, von aufgedeckten Fällen wird hochgerechnet. Eine OSZE-Studie schätzte, dass im Jahr 2001 rund 200.000 Frauen und Mädchen nach Westeuropa verkauft wurden. Die EU-Kommission nennt rund 140.000 jährlich in die EU gehandelte Frauen. Unbestritten ist: Frauenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung ist ein riesiger krimineller Markt. Auch in Deutschland. 40.000 frisch für die 12 WM-Orte rekrutierte Zwangsprostituierte erwartet deshalb der Deutsche Frauenrat in Berlin. "Ein Anstieg des Menschenhandels und der Zwangsprostitution ist im Hinblick auf die Fußball-WM zu erwarten. Der moderne Sklavenmarkt stellt sich auf die Befriedigung der Nachfrage ein", so Kriminalhauptkommissar Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Doch die Menge der zu erwartenden Opfer ist selbst unter Polizeiexperten umstritten. Münchens Polizei hält 3.000 zusätzlich anschaffende Frauen pro Austragungsort für realistisch - nicht alle allerdings unfreiwillig. Die Kollegen in Frankfurt rechnen mit 500, und Hannovers Milieu-Polizei hält eine Zunahme zur WM für gänzlich unwahrscheinlich: "Die Fans sind nicht zahlungskräftig genug. Zudem gibt es seit der EU-Erweiterung genügend legale Frauen", glaubt Szene-Polizist Hagen Schreiber vom zentralen Kriminaldienst in Hannover. Das aber heiße nicht, dass Zwangsprostitution in Hannover kein Thema sei. Im Gegenteil: Die gebe es eben auch den Rest des Jahres. Eine einzige Zahl ist gesichert: Im vergangenen Jahr kamen 150 Fälle von Menschenhandel vor niedersächsische Gerichte.

90 Prozent für den Zuhälter

Wie so etwas funktioniert, weiß Uta Ludwig vom bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess (KOK): "Die jungen Frauen kommen nach Deutschland, weil das Leben zu Hause von Armut und Entbehrung geprägt ist. Sie geraten in Situationen, in denen sie gezwungen werden, sexuelle oder strafbare Handlungen vorzunehmen, die sie nicht wollen. Sie werden mitunter vergewaltigt, um sie gefügig zu machen, werden eingesperrt, bis die blauen Flecken nicht mehr sichtbar sind. Sie erleben ein extremes Wechselbad der Gefühle und der Angst. Solange sie 10 Euro pro Tag für ihre Arbeit erhalten, können sie wenigstens etwas nach Hause schicken und denken, das ist viel Geld, da sie in der Heimat im Monat vielleicht 40 bis 100 Euro verdienen." Wie viel sie ihrem Zuhälter einbringen, erfahren sie nicht. 100 bis 300 Euro pro Tag pro Frau, schätzt das Bundeskriminalamt. Allein im WM-Monat Juni also 9.000, pro Jahr 100.000 Euro. Polizist Freiberg: "Der Menschenhandel und die Zwangsprostitution haben in ihrer Skrupellosigkeit und ihrem Ertragsvolumen zum Drogenhandel aufgeschlossen." Von 972 aus deutschen Bordellen von der Polizei befreiten ausländischen Opfern im Jahr 2004 wussten nur 157, auf was sie sich einließen, als sie nach Deutschland kamen. 815 wurden nachweislich gewaltsam verschleppt oder mit falschen Versprechungen gelockt.

Ein Film soll aufklären

Auch in Hannover findet die WM statt. Fünf Spiele, fünfmal Fancamps, Fanmeile, Dauerdorf an der Waterloosäule - Fußballfieber. Und der Sexmarkt? "Zur Expo stieg die Zahl der Prostituierten um 3.000", sagt Lea Ackermann, Chefin von "Solwodi", einer kirchennahen Organisation zum Schutz von Frauenhandelsopfern, die vor allem in den osteuropäischen Herkunftsländern der Zwangsprostituierten für Aufklärung sorgt, mit Ordensfrauen als Mittlerinnen. Julia Grohn von der örtlichen Beratungsstelle Kobra hält diese Zahl für zu spekulativ. Eher die beiden Großveranstaltungen Hannover-Messe und CeBIT ließen die Zahl der Prostitution alljährlich ansteigen. Die Kundschaft ist schlicht solventer als der einfache Fußballfan. "Wir beteiligen uns ohnehin nicht an Schätzungen, weil es darum nicht geht. Jeder Fall von Menschenhandel ist einer zu viel", sagt Julia Grohn. Und den gibt es eben nicht nur zur Fußball-Weltmeisterschaft. "Die WM dient uns eher als Bühne, um auf das Thema aufmerksam zu machen."
Deshalb beteilige sich Kobra auch an der örtlichen Kampagne "Gegen Menschenhandel - Sie tragen Verantwortung". Gemeinsam mit Landeshauptstadt, Landesregierung und Präventionsrat soll während der WM auf das Thema Menschenhandel aufmerksam gemacht werden. "Die angestrebte Zielrichtung entsprechender Kampagnen sollte in der Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit und insbesondere von Freiern liegen. Diesen sollte deutlich gemacht werden, dass Frauen nicht selten aufgrund zum Teil falscher Versprechungen nach Deutschland geschleust und gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen werden. Keineswegs sollten Opfer stigmatisiert werden", erläutert Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Zentrales Medium der Kampagne soll ein Werbespot sein, der auf Großbildleinwänden gezeigt und in so genannten Sportkneipen als DVD abgespielt werden soll.

Die Käufer

Im Prinzip ist ein Freier der Herr Jedermann. Drei neue wissenschaftliche Studien der Universitäten Berlin, Bremen und Kopenhagen haben die Kundschaft von Prostituierten durchleuchtet. Ergebnis: Der Gang zur Prostituierten ist unabhängig von Alter, Schichtzugehörigkeit oder Weltanschauung. Unter den Befragten waren pensionierte Richter ebenso wie Lkw-Fahrer, Immobilienmakler, gar ein Pastor. Ihre Motive: "Notbehelf" für die fehlende Partnerin, die Partnerin "macht nicht alles mit", die Kaufbarkeit von Sex "macht an", die Begegnung ist nur kurz. Und immer wieder - quasi als Entschuldigung - führen Freier den männlichen Sextrieb an. Besserverdienende gehen öfter zur Prostituierten, weil ein Bordellbesuch nicht eben billig ist. Und weil die Verheimlichung des Besuchs für Betuchtere eher möglich ist als für Einkommensschwache. Denn je mehr ein Mann verdiene, desto weniger habe die Ehefrau Einblick in die Einkommensverhältnisse. In einkommensschwachen Ehen dagegen verwalte meist die Frau das knappe Geld. Die Prozentangaben in den Studien variieren stark: Zwischen 14 und 69 Prozent aller Männer waren schon einmal bei einer Prostituierten. Gut zwei Drittel aller Freier leben in einer festen Partnerschaft.
Weitere Infos: Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust Sabine Grenz, VS-Verlag; Emilija Mitrovic (Hrsg.) Prostitution und Frauenhandel, VSA-Verlag.


Kommentar

Befreien!

Ob Drogen, Schmuggel oder Menschenhandel: Der Kern allen Verbrechens ist schlicht Ökonomie. Es gibt sie, weil es Kunden gibt. Zwangsprostitution lohnt sich, weil sie maximale Renditen verspricht. Laut Vereinten Nationen weltweit 2,4 Mio. Opfer, 32 Milliarden Dollar Gewinn pro Jahr. Der Streit um die Zahlen zur WM verblasst dahinter. Keine schlechte Idee, bei der WM per Videobotschaft an die moralische Einsicht der Freier zu appellieren. Solange aber Frauen weitgehend risikolos ausgebeutet werden können, wird das wenig ändern. Denn die aus dem Ausland importierten Frauen können ihre Zuhälter eben nicht einfach anzeigen, auch wenn sie noch so oft geprügelt und vergewaltigt wurden. Sie riskieren immer ihre eigene Bestrafung wegen illegaler Einreise, illegalen Aufenthalts, illegaler Arbeit. Ein Ausweg wäre, den Frauen eine faire Chance auf ein weitgehend straffreies Bleiberecht nach ihrer Anzeige zu ermöglichen. Also Ausstieg per Gesetz mit Kronzeugenregelung. Mit einer entsprechenden Initiative könnte die Landesregierung Menschenrechtsbewusstsein demonstrieren.

Volker Macke
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