Lebensgeschichten der VerkäuferInnen

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen exemplarisch drei Asphalt-VerkäuferInnen vor.

Olaf

Jeden Tag aufs Neue - das ist mein Lebensprinzip. Seit 25 Jahren versuche ich nach den buddhistischen Grundsätzen zu leben, achte auf die Kleinigkeiten, die mich zum Lächeln bringen können. Das fällt mir heute leichter als früher.
Ich hatte drei große Brüder, der jüngste davon war schon zwölf Jahre älter als ich, sodass ich eigentlich als Einzelkind aufgewachsen bin. Das war eines meiner größten Probleme. Mein Vater war bis zu meinem 14. Lebensjahr fast komplett auf See, als er dann wiederkam, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Erziehung meiner Mutter zu ‚korrigieren'. Eigentlich ist er nie gewalttätig gewesen, aber psychisch hat er mich schon fertig gemacht. ‚Du bist nichts. Du kannst nichts. Aus dir wird nie was werden' - das bekam ich immer zu hören.
Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich spielsüchtig, das hat vieles in meinem Leben kaputt gemacht. Auch mein Immunsystem leidet darunter, bin dauernd krank, oft richtig mit im Bett liegen. In den letzten 20 Jahren habe ich immer wieder versucht, mit dem Spielen aufzuhören, hatte viele Therapien und viele Rückfälle, durch die ich immer wieder das zerstört habe, das ich mir gerade aufgebaut hatte. Bin auch immer wieder auf der Straße gelandet, einfach abgehauen, wenn's zuviel wurde. Mein letzter Rückfall war sehr schwer, da konnte ich gerade noch die Notbremse ziehen und habe mich in eine Suchtklinik einweisen lassen, um einen gesicherten Raum zu haben. Das ist zwar auch nur eine Symptombehandlung, aber mir war klar, dass ich das brauche, um einfach mal in Ruhe nachdenken zu können, was mit mir nicht stimmt. Direkt im Anschluss habe ich zum ersten Mal eine zweijährige Verhaltenstherapie gemacht, die mir geholfen hat: Ich bin jetzt 44 Jahre alt und seit zwei Jahren spielfrei. Das macht mich stolz. Und ich sehe meine Tochter Pia nun regelmäßig, wir haben dieses Jahr sogar Silvester zusammen gefeiert. Pia ist 15, lebt bei ihrer Mutter und deren Partner in Bremerhaven. Pias Mutter, Renate, hat sich von mir getrennt, als Pia eineinhalb war. Auch wegen meiner Spielsucht. Ich habe Pia dann nur zweimal gesehen bis zu ihrem zwölften Lebensjahr. Aber Renate - und auch Pias Ziehvater - haben immer die Fahne für mich hoch gehalten. Renate ist wirklich ‚tofte', hat Pia toll erzogen, mittlerweile haben wir auch wieder ein recht freundschaftliches Verhältnis. ‚Du hast einen Vater, der zurzeit krank ist. Er wird sich bei dir melden, wenn er wieder gesund ist', hat Renate immer zu Pia gesagt, wenn sie nach mir gefragt hat. Pia war ein großer Ansporn für meine Therapie, aber der Grund war ich. Hier geht es um mich, ich kann auch nur mir die Schuld für die letzten 20 Jahre geben. Im letzten Jahr hatte ich eine ziemlich schlechte Phase, war down, hatte eine Trennung und wohl auch noch den Tod meines Vaters zu verarbeiten. Ich wurde immer lethargischer. Da bin ich bewusst auf die Straße gegangen. Um alles wieder auf Null runter zu fahren und alles andere erst einmal wegfällt. Auf der Straße leben heißt, sich nur auf den Tag konzentrieren, klar kommen, Essen beschaffen. Ein paar Monate habe ich das gemacht. Meine ‚Straßentherapie' war das. Meine Wohnung konnte ich in der Zeit halten, das war gut. Und auch Asphalt verkaufe ich weiter. Seit einiger Zeit habe ich auch noch eine neue Aufgabe bei Asphalt: Ich habe angefangen zu schreiben. Für die ‚Nord-West-Beilage' von Asphalt. Das macht mir Spaß und ich bekomme tolle Rückmeldungen von meinen Stammkunden, die meinen ‚Blick von unten' gut finden. Ich will weiter schreiben, über Themen der Straße. Für mich ist das toll - damit bleibe ich Asphalt wie auch der Straße treu.

Olaf verkauft täglich in der Bahnhofstraße bei Kiefert in Bremen. Foto: Karin Powser

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Elke

"Herausforderungen waren immer wichtig in meinem Leben. Ich habe dauernd gearbeitet - nach der Geburt meiner beiden Söhne teilweise in verschiedenen Halbtagsjobs, aber seit 1989 als examinierte Altenpflegerin -
in leitenden Positionen. Gewechselt habe ich meinen Arbeitsplatz zweimal zu dem Zeitpunkt, an dem sich alles eingespielt hatte. Dann brauchte ich wieder eine neue berufliche Abwechslung, Hauptsache keine Routine. Seit einiger Zeit aber habe ich das Gefühl, dass das Leben mich herausfordert: Vor zehn Jahren hatte ich einen schweren Bandscheibenvorfall, der mehrfach operiert werden musste. Seitdem bin ich chronische Schmerzpatientin, nehme starke Schmerzmittel viermal am Tag und habe Probleme beim Bücken, Laufen und langem Stehen. Zweimal im Jahr gehe ich für 14 Tage in die Klinik in Großburgwedel, zuletzt jetzt im Mai. Da gibt es einen tollen Arzt, Dr. Elkara, dem ich vertraue und der mir schon sehr geholfen hat. Jetzt bin ich gut eingestellt, die Schmerzen habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. In den Knien habe ich Arthrose, die sind auch schon beide operiert, 2005 kam noch die Diagnose Diabetes dazu. Ich hatte anfangs große Schwierigkeiten, damit klar zu kommen, auf einmal zu Hause zu sein und meinen körperlichen Abbau so mitzuerleben. „Merkst du das gar nicht, dass du dich völlig überschätzt?" - das kommt manchmal von Freunden als Rückmeldung. Daran merk' ich, dass ich immer noch im Umdenkungs- und Verarbeitungsprozess stecke. Ich war sonst immer in Action, habe viel und alles allein geschafft. Jetzt brauche ich Hilfe, wenn ich Katzenstreu für meine beiden Katzen oder eine Kiste Wasser kaufe. Ich wohne in der List in einer schönen gemütlichen Wohnung - allerdings im fünften Stock ohne Fahrstuhl. Das geht wohl nicht mehr lange.
Seit Juli bekomme ich volle Erwerbsunfähigkeitsrente, die reicht zwar nicht zum Leben, aber für mich ist es schon eine Erleichterung, dass ich nun nicht mehr von einem Amt zum anderen muss. Seit Mitte Mai bin ich bei Asphalt dabei und fast etwas überrascht, wie viel Spaß mir das macht. Ich habe mit vielen Kunden nette Gespräche und beobachte ansonsten gern die Menschen um mich herum. Allerdings macht mir das Stehen etwas zu schaffen, ich hätte gern einen Rollator, das wäre einfacher und ich könnte zwischendurch mal Pause machen. 56 bin ich im Juni geworden, ich wünsche mir schon, dass ich Asphalt langfristig verkaufen kann. Mein Ex-Freund Roger Gierschmann unterstützt mich dabei. Er ist Musiker und wir waren nicht nur fast 20 Jahre zusammen, sondern haben auch immer Musik zusammen gemacht. Früher bin ich mit zu den Konzerten gereist, habe die Band betreut und Frikadellen gebraten. Bei einigen Songs habe ich auch im Chor mitgesungen oder die PR-Arbeit gemacht. Im September erscheint Rogers neue CD „Alles in Heimarbeit", Konzerte sind auch geplant. Ich bin da auch noch aktiv, wir organisieren zusammen einmal im Monat die „United Jam" in der Oststadt. Solche Sachen sind wichtig für mich und ich merke, dass ich vieles nach wie vor machen und erreichen kann. Es braucht bloß alles mehr Zeit und Geduld als früher."

Elke verkauft montags bis freitags in der Osterstraße in Hannovers Innenstadt zwischen Mäntelhaus Kaiser und Tchibo. (Foto: Karin Powser)

 

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Bianca

Ruhe brauche und dass ich selbst auf mich aufpassen muss. Das habe ich gelernt.
Meine Eltern waren jung, als sie geheiratet haben, 19 und 21. Als ich vier war, ist meine Mutter abgehauen. Nach Bremen. Ich habe sie in meinen Leben dann vielleicht noch sechs, sieben Male gesehen. Sie ist heroinsüchtig geworden und 2004 gestorben. Mit 18 bin ich von zu Hause ausgezogen, ein Jahr vorher habe ich mich in einen älteren Mann verliebt, mit dem ich zusammen gezogen bin. Ein großer Fehler - seitdem bin ich kaputt, habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Er war gewalttätig, hat mich geschlagen. Fünf Jahre habe ich das Martyrium mitgemacht, geschwiegen aus Angst und Scham, bis ich mich mit Hilfe vom Frauenhaus Hannover daraus befreien konnte. Zu der Zeit lernte ich auch Asphalt kennen - seit 96 bin ich jetzt schon dabei, 15 Jahre! Die Arbeit tut mir gut und gibt mir viel Kraft. Asphalt ist wie auf mich zugeschnitten: Ich kann mir meine Zeit und Energie selbst einteilen, habe keinen Chef. Vor allem meine Kunden, meine sozialen Kontakte sind mir wichtig. Ich spreche durch meine Arbeit mit so vielen Menschen, das würde ich von allein niemals machen. Als meine Tochter Laura viel zu früh in der 25. Schwangerschaftswoche und mit 810 Gramm zur Welt kam, habe ich ganz viel Anteilnahme von meinen Kunden bekommen. Das war neu und schön für mich. Laura ist gerade zehn Jahre alt geworden. Sie hat eine tief greifende Entwicklungsstörung mit autistischen Zügen. Sie kann nicht sprechen, aber seit zwei Jahren kann sie zum Beispiel selbstständig essen! Ich weiß, dass es ihr heute soweit gut geht und das ist so beruhigend für mich. Laura lebt seit drei Jahren in einer Einrichtung in Hildesheim. Dort wird sie gut betreut, geliebt, gefördert. Für mich war das am Schluss zu viel, ich konnte die Pflege nicht leisten, die Laura brauchte. Jetzt sehen wir uns alle zwei bis drei Wochen, sie kommt zu mir übers Wochenende oder ich fahre hin. Im Moment liebt sie Spiegel und alles von „Hello Kitty". Und Musik. Ich habe schon immer viel für sie gesungen. Alle Kinderlieder, die es gibt. Immer wieder. Mit Laura kann ich auch fröhlich sein. Mein Zukunftswunsch ist, dass ich auch für mich wieder mehr lachen kann."

Bianca verkauft vor Rewe in der Erich-Ollenhauer-Straße in Langenhagen, dienstags auf dem Langenhagener Wochenmarkt und mittwochs und samstags auf dem Wochenmarkt am Moltkeplatz in Hannover. Foto: Karin Powser



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