Leben retten - Notruf wählen
Winterzeit ist Härtetest: Rund 250 Menschen leben auch im Winter auf Hannovers Straßen. Unter Telefon 99040-15 nimmt das Winternotprogramm Hinweise auf Menschen in Not entgegen. Mehr als 300 Menschen sind bereits europaweit erfroren - davon fünf in Deutschland.
2.500 Menschen sind in der Landeshauptstadt Hannover ohne Wohnung. Rund tausend Menschen kommen nach Auskunft von Gottfried Schöne, Fachgebietsleiter beim Diakonischen Werk, bei Bekannten unter, 250 leben ganzjährig auf der Straße, der Rest lebt in Unterkünften der Stadt oder in Einrchtungen der Wohnungslosenhilfe. Vor allem die 250 "auf Platte" sowie die in Hannover gestrandeten Osteuropäer bereiten Schöne Sorgen. Damit diese in der Kälte des Winters besonders gefährdeten Menschen zumindest unter besonderer Beobachtung bleiben, haben Diakonie, die Selbsthilfe für Wohnungslose (Sewo) sowie die Johanniter das Winternotgramm gestartet. Sozialarbeiter sind dreimal in der Woche in den Stadtteilen Mitte, Nordstadt, Oststadt unterwegs, um die Menschen, die im Freien nächtigen aufzusuchen. Sie verteilen Schlafsäcke, sorgen für Notfallversorgung, geben Überlebenstipps. Die Johanniter fahren zweimal wöchentlich mit einen Bus die neuralgischen Treffpunkte wie ZOB, Oper oder Lutherkirche an, um dort Suppen und Decken auszugeben. Alle Hannoveraner, denen Menschen auf Parkbänken, vor Kaufhäusern oder unter Brücken auffallen, können unter Telefon 9904 015 eine Nachricht hinterlassen. Die Straßensozialarbeiter fahren dann gezielt dorthin. Menschen, denen es offensichtlich gesundheitlich besonders schlecht geht, können solange nicht warten. In diesem Fall ist der Rettungsdienst unter Nummer 112 die einzig richtige Wahl. mac
Rollende Praxis
Auto, Spritze, Bohrer, Füllung - Hannovers Obdachlose werden künftig ehrenamtlich und mobil zahnärztlich versorgt.
Ein Zahnmobil für Hannover. Nach anderthalb Jahren Planung und teils schwierigen rechtlichen Verhandlungen wird diese innovative Idee für Obdachlose nun Realität. Mehrere tausend Bedürftige, Obdachlose und Menschen ohne Aufenthaltsstatus leben in Hannover. Zu einem großen Teil sind sie nicht krankenversichert oder haben nicht einmal zehn Euro Praxisgebühr übrig. Im Ergebnis haben viele von ihnen eine Zahnarztpraxis schon seit Jahren nicht mehr von innen gesehen. Noch im ersten Quartal dieses Jahres soll das neue Zahnmobil in Hannover an den Treffpunkten und Unterkünften der Wohnungslosen und Gestrandeten mobile und kostenlose Behandlungen möglich machen.
Das Projekt arbeitet mit stationären Zahnärzten sowie der MHH zusammen. Schwierigere Fällen können dorthin überstellt werden. Die Ausstattung des Mobils ist annähernd so professionell wie in einer herkömmlichen Zahnarztpraxis. Sogar ein Röntgengerät wird in dem Kleinbus zur Verfügung stehen.
„Der Impuls zu dem Projekt kam von Asphalt-Herausgeber Walter Lampe, wir kennen uns seit vielen Jahren", sagt Werner Mannherz, der sich die Realisierung des Projekts gemeinsam mit seiner Frau Dr. Ingeburg Mannherz zur Herzensangelegenheit gemacht hatte. Vorbild ist das Zahnmobil in Hamburg, das bisher einzige derartige Projekt in Deutschland. Rund tausend Patienten werden dort jährlich am Rande der Straße erfolgreich behandelt. „Dort haben wir uns informiert und uns dann nach Trägern und Sponsoren für unser Projekt umgesehen", erzählt Werner Mannherz. „Es ist einfach sehr wichtig, dass wir zu diesen Menschen kommen, denn sie kommen nicht zu uns." Werner Mannherz war früher als Unternehmensberater und Ingenieur tätig, bringt so das nötige Know-how für die wirtschaftliche Basis des Zahnmobils ein. Ingeburg Mannherz ist pensionierte Zahnärztin, die beiden Töchter arbeiten selbst als Zahnärzte in Hannover-Linden. „Sponsoren für den Projektstart und die Folgekosten zu finden, hatte einige Zeit gedauert doch jetzt konnten wir einen Drei-Jahres-Plan vorlegen", sagt Mannherz. Die nötigen 80.000 Euro sind zusammen. Hauptunterstützer der rollenden Praxis sind die Region Hannover, die AOK, die Stiftung deutscher Freimaurer und die Stiftung deutscher Zahnärzte. Als Träger konnte das Diakonische Werk gewonnen werden. Und: Die Kassenzahnärztliche Vereinigung KZVN hat zum ersten Mal überhaupt einer Institution eine kassenärztliche Zulassung erteilt. Stellvertretend für die Diakonie trägt daher Ingeburg Mannherz die Verantwortung für die fachgerechte Arbeit im Zahnmobil. 19 hannoversche Zahnärzte werden - so die Planung - alsbald an drei Tagen in der Woche ehrenamtlich für mehr Lächeln auf der Straße sorgen. Julian Golz / Foto: privat.
Neuer Verein gegen Armut
Team um hannoversche Amtsrichterin will mit Schlafsäcken, Decken und Essen vor Ort helfen.
Sie wollen Armut auf den Straßen Hannovers nicht länger hinnehmen. In Hannover-Linden haben sieben Menschen um die Amtsrichterin Monika Pinski den Verein „ganz unten" gegründet. Wollen Decken, Kleidung, Essen und warme Worte verteilen.
„Es gibt ganz sicher viele gut arbeitende professionelle Hilfeeinrichtungen in Hannover, aber als Strafrichterin begegnen mir auch immer wieder Personen, die von den Hilfeanbietern offenbar nicht erreicht werden", sagt Pinski. In den vergangenen Jahren seien ihr verstärkt auch junge Menschen aufgefallen, die sich an Kaufhäusern auf den Abluftschächten wärmen und betteln. Einzelfälle noch, aber Tendenz steigend. Die neuesten Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), einem Zusammenschluss großer Hilfeeinrichtungen, gibt Pinskis Beobachtungen Recht: Auf der Jahrestagung des Verbandes in Leipzig Mitte November prognostizierte BAGW-Geschäftsführer Thomas Specht unter Bezugnahme auf Umfragen bei Behörden einen Zuwachs der Wohnungslosigkeit um 15 Prozent in den nächsten vier Jahren. Gerade junge Menschen werden zunehmend obdachlos, bereits heute sind knapp 30 Prozent jünger als 30 Jahre. Hintergrund: Mitarbeiter von Jobcentern sanktionierten junge Menschen unter 25 Jahren besonders häufig, so Specht, strichen ihnen die Leistungen, wozu auch die Mietkosten zählen.
Neben der täglichen Hilfe will Pinski auch ihre Studenten der Fachhochschule - die Richterin lehrt dort Wirtschaftsrecht - für das Thema Armut sensibilisieren. So könnten sie beim verteilen der Hilfsgüter helfen, vielleicht auch mal - als Selbsttest - eine kalte Nacht auf der Straße verbringen. „Studenten von heute sind die Führenden von morgen, und wenn am Ende mehr Respekt vor anderen steht, ist auch in dieser Hinsicht viel erreicht", sagt die Dozentin. Aktuell sind bundesweit 280.000 Menschen wohnungslos, 2010 waren es noch 248.000. In Hannover sind rund 3.000 Menschen ohne Wohnung. mac
Unter www.ganz-unten-ev.de gibt es weitere Infos zu möglichen Sachspenden und Kontaktmöglichkeiten.
Erfolgreicher Beistand für ‚Hartzer'
Niemand muss allein zum Amt: Ehrenamtliche Berater sorgen seit einem Jahr für Gerechtigkeit und Transparenz für Hartz-IV-Empfänger.
Von den 120.000 Leistungsempfängern allein der Region Hannover sind im Jahre 2010 mehr als 20.000 Widersprüche gegen Bescheide der Jobcenter eingegangen. Die Sozialgerichte stöhnen unter Tausenden von Prozessen und der Verfahrensberg wächst stetig. Grund genug für mehr Transparenz und Kontrolle in Jobcentern zu sorgen. Seit einem Jahr begleiten deshalb ehrenamtliche Helfer Ratsuchende auf ihren Wegen in die Jobcenter und zum Wohnungsamt - das Recht, nicht allein aufs Amt zu müssen, steht jedem Leistungsempfänger zu. Rund 30 Ehrenamtliche helfen den von den Wirren und Härten des Sozialgesetzbuches betroffenen Menschen bei der Durchsetzung ihrer Leistungsrechte. Dabei arbeiten sie mit den gewerkschaftlichen und kirchlichen Beratungsstellen zusammen, deren Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen. Von gewerkschaftlichen Bildungsträgern werden sie in Sachen Sozialrecht geschult und von erfahrenen Beratungsprofis aus der Flüchtlings- oder Aidshilfe im menschlich schwierigen Feld der Sozialberatung unterstützt. Gerade die emotionale Komponente erfordert von den ehrenamtlichen Begleitern ein hohes Maß an Sozialkompetenz. Weil es für viele Betroffene um die nackte Existenz geht, kommt es in den Jobcentern nicht selten zu lautstarken Szenen, und auch nicht jeder Sachbearbeiter ist an wohlwollenden, sachlichen Ergebnissen interessiert. „Nicht zuletzt profitieren auch diese von der strukturierenden und deeskalierenden Arbeit der Beistände und Hotliner", sagte Jochen Peiler, einer der Organisatoren des Hilfsprojekts anlässlich der ersten Jahresversammlung des Vereins Anfang November im DGB-Haus. Das Angebot kommt an: „Seit einem Jahr rufen täglich Bürger auf unserer Hotline an, weil sie ihre Bescheide nicht verstehen, ihnen zum Ersten des Monats das Geld vom Amt auf dem Konto fehlt oder Ihre Angelegenheiten in der Verwaltung wegen Personalmangel oder Kompetenzstreitereien einfach so langsam bearbeitet werden, dass sie in existenzielle Not geraten", so Peiler. mac
Die Telefonhotline 33653556 ist montags bis freitags von 16:00 bis 18.00 Uhr besetzt.
Speise, Wärme, Hilfe
Immer mehr Arme und Wohnungslose suchen im Winter die Ökumenische Essenausgabe des Diakonischen Werkes auf. Größere Räume eröffnen am 1. Dezember.
„An Tagen mit besonderem Zuspruch kommen 160 bis 200 Menschen zu uns. Da war mancher Essensplatz in den vergangenen Jahren innerhalb von zwei Stunden fünf Mal besetzt", sagt Michael Schroeder-Busch. Er koordiniert für das Diakonische Werk die Ökumenische Essensausgabe Hannover: „In den alten Räumen am Kanonenwall sind wir an unsere Grenzen gestoßen." Rund 11.000 Mittagessen sind im vergangenen Winter ausgegeben worden. Am 1. Dezember geht es in den neuen Räumen los. Sie liegen schräg gegenüber den bisherigen, bieten deutlich mehr Platz und bilden nun eine gemeinsame Anlaufstelle mit weiteren offenen Angeboten für Arme und Wohnungslose: Arztsprechstunde, Obdachlosenfrühstück am Samstag, Sozialberatung und Teestube.
Michael Schroeder-Busch: „Die Ökumenische Essenausgabe ist seit 22 Jahren gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Kirche." Beteiligt sind das Diakonische Werk, der Caritasverband, die Katholische Pfarrgemeinde St. Heinrich, die Evangelisch-Reformierte Kirche und die Evangelische Neustädter Kirche. Gemeinsam reagieren sie von Jahr zu Jahr auf Veränderungen der Armutslage in Hannover. Und diese Änderungen heißen vor allem: zunehmender Bedarf an sozialer, medizinischer und psychologischer Betreuung, zunehmende Fehlernährung, zunehmende Bedürftigkeit auch bei Menschen, die noch ein Dach über dem Kopf haben.
„Es existiert elementare Not in Hannover, das tägliche Brot ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit", sagte Hans-Martin Joost, Leiter des Diakonischen Werkes, bei der Feier zur Fertigstellung der neuen Räume im Sommer 2011. Der katholische Propst Martin Tenge betonte: „Wir dürfen nicht glauben, dass armen Menschen mit Almosen geholfen ist. Jeder Mensch hat Anspruch auf würdevolle Zuwendung, die seine Lebenslage dauerhaft bessert. Jedes Hilfeangebot muss daher immer auch Mut machen zur Veränderung. Ich wünsche mir, dass die neuen, hellen, größeren Räume der Ökumenischen Essensausgabe auch ein Ort werden für die politische Diskussion über den Zustand unserer Gesellschaft, für das Einfordern von Gerechtigkeit und den Ausgleich der großen sozialen Unterschiede." Bernd Strauch, Bürgermeister und Vorsitzender des Rates der Stadt Hannover, ergänzte mahnend: „Wir müssen erleben, wie sich die wirtschaftliche Krise erneut zuspitzt - trotz aller Beteuerungen, es nie wieder dahinkommen zu lassen. Ökonomische Gewinne der vergangenen Jahre sind bei den Armen nicht angekommen, Ungerechtigkeit ist im System angelegt. Helfende und ausgleichende Einrichtungen wie die Essenausgabe sind daher unverzichtbar."
Gekocht wird das tägliche Essen im Friederikenstift, alle Kosten, die damit verbunden sind, begleicht das Diakonische Werk aus Spendenmitteln. Rund 30 Ehrenamtliche gewährleisten den reibungslosen Ablauf, unterstützt von engagierten Schülerpraktikanten und Menschen, die „Arbeit statt Strafe" ableisten. Die baulichen Kosten für die neuen Räume trägt der Caritasverband, die Niedergerke-Stiftung und der Bezirksrat Mitte haben kräftig gespendet. Pfarrer Johannes Lim von der katholischen Pfarrei St. Heinrich segnete die neuen Räume und zitierte dabei die Worte des Propheten Jesaja: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn." Mindestens 2.500 Menschen sind in Hannover wohnungslos, rund 20 Prozent der Bevölkerung sind von Armut betroffen.
Renate Schwarzbauer / Foto: Karin Powser
Ökumenische Essensausgabe, täglich (außer Sonntag) 11 - 13 Uhr, auch Heiligabend und Silvester, Leibnizufer 13 - 15. Informationen erhältlich unter Telefon: 0511 - 99040439 oder E-Mail: essenausgabe@zbs-hannover.de.
