Schattenwelt

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Erkältungssymptome, Beinbruch oder akute Schmerzen. Wer krank ist, geht zum Arzt. Doch für Menschen, die illegal in Deutschland leben und krank werden, steht viel mehr als nur ihre Gesundheit auf dem Spiel – 25.000 Menschen allein in Niedersachsen.

Etwa zwei Jahre ist es jetzt her, als Fides* plötzlich starke Schmerzen in der Brust bekommt. Immer häufiger wird ihr schwindelig, eine innere Unruhe macht sich breit. Es geht ihr nicht gut. Und auch die Augen bereiten der 43-Jährigen immer mehr Probleme. Sie tun oft weh und die Sehkraft wird langsam schlechter. Gern würde sie mit diesen Beschwerden zu einem Arzt gehen, so, wie es die meisten Bürgerinnen und Bürger in Deutschland in einem solchen Fall tun würden. Doch für Fides ist das nicht so einfach. „Als ich die Schmerzen in der Brust bekommen hatte, wusste ich nicht, wohin ich damit gehen kann. Ich hatte ja keine Krankenkarte“, erzählt sie. Doch Fides besitzt nicht nur keine Krankenversicherung. Auch sonst hat sie keine gültigen Papiere. Deshalb entschließt sie sich zunächst gegen einen Arztbesuch. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen.

Seit etwa dreieinhalb Jahren lebt Fides jetzt in Deutschland. Die große kräftige Frau kommt ursprünglich aus Gambia. Mit einem gültigen Visum ist sie damals eingereist, um hier zu arbeiten und zu bleiben. Drei Monate später ist das Visum ausgelaufen, ein Job nicht in Sicht. Nach Gambia zurückzugehen war für Fides aber keine Option. Sie bleibt, taucht unter, und lebt seitdem ohne Aufenthaltstitel in Deutschland. Deshalb erträgt sie ihre immer öfter auftretenden Schmerzen stillschweigend. Wochenlang. Mal besser, mal schlechter. Doch dann geht es nicht mehr. Sie vertraut sich guten Freunden in ihrer Gemeinschaft an. Wie Fides selbst, stammen auch sie aus Gambia. Allerdings mit „guten Papieren und somit auch mit einer Aufenthaltserlaubnis“, bemerkt die Westafrikanerin. Von ihren Freunden erfährt sie, dass es in der City eine Frau gibt, die in solchen Fällen weiterhelfen kann. Fides kontaktiert diese Frau und wird von ihr zur Caritas am Leibnizufer geschickt. „Dort hat mich dann ein Arzt untersucht und festgestellt, dass mein Blutdruck zu hoch ist. Mit 200 war er sogar viel zu hoch. Ich habe von dem Arzt dann die Telefonnummer vom Medinetz Hannover bekommen, das mich wiederum sofort an einen Spezialisten weitervermittelt hat“, erzählt Fides.

Keine Papiere, keine Krankenversicherung

Medinetz Hannover ist ein Verein, der sich ehrenamtlich um Menschen kümmert, die eine medizinische Versorgung benötigen, aber keine Krankenversicherung und auch keine Papiere besitzen. Die Gründe, warum Menschen nicht versichert sind, sind sehr vielfältig. Zum einen gibt es deutsche StaatsbürgerInnen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Krankenversicherung verloren haben. Dann gibt es Menschen, die aus dem europäischen Ausland kommen, die sich in Deutschland zum Arbeiten aufhalten, aber oft nicht ausreichend krankenversichert sind, vor allem aufgrund von prekären Arbeitsbedingungen. „Und es gibt Menschen, beispielsweise AsylbewerberInnen die aus dem außereuropäischen Ausland kommen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Diese Menschen halten sich dann ohne Papiere, also illegal, in Deutschland auf. Dadurch haben sie dann aber eben auch keine Möglichkeit, an eine Krankenversicherung zu kommen“, erklärt Svenja Wöhler vom Medinetz Hannover.

Die Bremer Migrationsforscherin Dita Vogel schätzt bundesweit bis zu 520.000 Menschen ohne gültige Papiere und somit ohne legalen Aufenthaltstitel, für Niedersachsen der Flüchtlingsrat rund 25.000. Laut Asylbewerberleistungsgesetz haben aber auch diese Menschen grundsätzlich ein Recht auf medizinische Versorgung bei akuten Beschwerden. In Anspruch nehmen können sie diese jedoch nicht ohne weiteres. Denn in Deutschland gibt es eine ausdrückliche Meldepflicht an die Behörden. Das heißt: „Wenn zum Beispiel eine Person im Krankenhaus behandelt wird, aber ein Kostenträger nicht zu finden ist, weil diese Person nicht krankenversichert ist, dann meldet sich das Krankenhaus beim Sozialamt, um die entsprechenden Kosten einzufordern. Stellt das Sozialamt dann fest, dass sich diese Person in Deutschland illegal aufhält, muss es die Person nach Paragraph 87 Aufenthaltsgesetz an die Ausländerbehörde melden. Damit würde dann die Abschiebung dieser Person drohen“, erklärt Wöhler. Damit auch Papierlose ihr Recht auf medizinische Grundversorgung erhalten, setzt sich Medinetz Hannover genau für diese Menschen ein. „Krankheit gibt es, egal, ob man versichert ist oder nicht. Auch diese Personen brauchen eine gute Versorgung und sie brauchen Medikamente, ohne Angst, gleich abgeschoben zu werden“, begründet Wöhler das Engagement des Vereins.

Hilfen für Papierlose

Die Aufgaben von Medinetz Hannover lassen sich in zwei verschiedene Themengebiete aufteilen: Erstens die direkte medizinische Versorgung. Dafür sind die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen täglich telefonisch für die Hilfesuchenden erreichbar. Persönlich oder aber mindestens per Mailbox mit Rückrufgarantie. Selbst behandelt der Verein die Patienten nicht. Er stellt vielmehr den Kontakt zwischen den kooperierenden Haus- oder FachärztInnen und den Patienten her und vereinbart mit ihnen entsprechende Termine. „Zusätzlich übernehmen wir noch die Kosten für notwendige Medikamente oder Therapien, da diese von unseren Klienten oft nicht selbst bezahlt werden können“, so Wöhler.

Zweitens die politische Arbeit: „Unser eigentliches Ziel liegt darin, uns selber abzuschaffen. Also Strukturen zu schaffen, die unsere Arbeit überflüssig machen, und Personen, die jetzt durchs Raster fallen, einen legalen Zugang zur medizinischen Versorgung zu ermöglichen“, erklärt Medizinstudentin der MHH. Insofern ist politische Arbeit immer auch Öffentlichkeitsarbeit. Entsprechend wichtig sei es, über diese Problematik zu sprechen, betont die 23-Jährige.

Unterstützt wird Medinetz Hannover bei ihrem Engagement nicht nur von kooperierenden Ärztinnen und Ärzten. Im Mai 2021 ist die Clearingstelle „Gesundheit für alle“ in Hannovers Innenstadt an den Start gegangen. Seitdem kümmert sich das Kooperationsprojekt des Diakonischen Werks und der Caritas ebenfalls um Menschen ohne Versicherung. „Im Rahmen unser Beratungsangebote unterscheiden wir grundsätzlich nicht nach dem Aufenthaltsstatus der Hilfesuchenden. Alle Anfragen werden von uns gleich wahrgenommen, auf Wunsch beraten wir jeden und jede auch anonym“, versichert Sozialarbeiter Fabian Niculescu von der Caritas. Das große Ziel sei dabei immer „die (Re-)Integration in die gesundheitliche Regelversorgung“, fügt Sibylle Peters, Sozialarbeiterin beim DW. Die enge Zusammenarbeit mit dem Medinetz sei dabei wichtig.

Gesundheitsfond für Unversicherte

Wie bereits in Asphalt 05/22 kurz berichtet, gibt es ganz neu weitere finanzielle Unterstützung: Ein Gesundheitsfonds der Region Hannover, mit dem die medizinische Behandlung von mittellosen Menschen bezuschusst werden soll. „Der Gesundheitsfond richtet sich auch an Personen ohne einen gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland, wenn es um eine medizinisch notwendige Behandlung geht. Er hilft in Notfällen, ist aber kein vollständiger Ersatz für die Leistungen der Krankenversicherung“, unterstreicht Andrea Hanke, Sozialdezernentin der Region Hannover. Rund 250.000 Euro sollen dafür jährlich bereitgestellt werden. Für die Medinetz-Leute eine positive Überraschung und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch es müsse noch mehr getan werden. Wichtiges Ziel sei die Abschaffung der Übermittlungspflicht nach Paragraph 87 Aufenthaltsgesetz, um Menschen unabhängig ihres Status eine Kostenübernahme für dringend notwendige medizinische Behandlungen durch das Sozialamt zu ermöglichen. „Zudem versuchen wir, auf Landesebene wieder sowas wie den anonymen Krankenschein einzuführen. Niedersachsen war da mal Vorreiter, damals in der rot-grünen Landesregierung. Die rot-schwarze Landesregierung hat das Modellprojekt aber leider nicht verlängert, obwohl es die Situation der Hilfesuchenden sehr verbessert hatte“, bedauert Wöhler.

Während andere Bundesländer wie beispielsweise Thüringen und auch Bremen vermehrt auf den anonymen Krankenschein setzen, wird dieser nach Niedersachsen wohl nicht so schnell zurückkehren. „Wer einer medizinischen Behandlung bedarf, muss sich aus der Anonymität begeben. Eine geregelte Versorgung kann nach einer behördlichen oder polizeilichen Kontaktaufnahme über Unterkünfte für Geflüchtete oder sonstige Gemeinschaftseinrichtungen erfolgen. Vor diesem Hintergrund ist eine Fortführung des Projektes ‚Anonymer Krankenschein‘ bzw. dessen Verstetigung oder Wiederaufnahme nicht beabsichtigt“, sagt die Sprecherin des Sozialministeriums Stefanie Geisler.

Für Medinetz Hannover heißt das also erstmal weitermachen: Termine zwischen KlientInnen und ÄrztInnen vereinbaren. Weiterhin gemeinsam mit den KlientInnen zur Apotheke gehen und die Rechnungen für die Medikamente bezahlen. So wie für Fides auch. „Ich bin wirklich sehr glücklich. Glücklich, dass es die Menschen von Medinetz gibt. Wenn sie nicht wären, hätte ich vielleicht schon sterben müssen“, glaubt die Gambierin.

*Name von der Redaktion geändert

Grit Biele

Info1: Medinetze, Medibüros und Clearingstellen

Medinetze, Medibüros und Clearingstellen In Hannover ist Medinetz 1998 aus einer Projektgruppe heraus als nichtstaatliche und unparteiische Organisation unter dem Namen Medizinische Flüchtlingssolidarität entstanden. Vorbilder für die Gründung waren ähnliche Vereine in Hamburg und Berlin. Sie alle hatten das Ziel, den Anspruch auf Gesundheit ohne Angst vor Abschiebung durchzusetzen. 2012 wurde die Organisation dann als Verein Medinetz eingetragen. Deutschlandweit gibt es derzeit 38 Medinetze und Medibüros sowie neun Clearingstellen.

Medinetz Hannover: Tel. 0511 – 2 15 30 31

Medibüro Oldenburg: Tel. 0441 – 92 05 82 20

Medinetz Göttingen: Tel. 0551 – 5 57 66

Info2: Anonymer Krankenschein

Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ist ein Menschenrecht, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion und Aufenthaltsstatus. Doch gerade für Menschen ohne Aufenthaltsstatus ist dieser Zugang erschwert. Mit einem Besuch beim Arzt laufen sie Gefahr, dass die Ausländerbehörde auf sie aufmerksam wird und sie abschiebt. Mit dem anonymen Krankenschein soll den Betroffenen ein Zugang zu medizinischen Behandlungen ohne Angst vor Weitergabe der Daten an Behörden vermittelt, und zugleich eine Gesundheitsversorgung nach dem allgemeinen Standard gesetzlicher Krankenversicherungen ermöglicht werden, wie es dem Menschenrecht auf gesundheitliche Versorgung entspricht. Das Konzept wurde vom Medibüro Berlin und der Medizinischen Flüchtlingshilfe Göttingen entwickelt und für Niedersachsen zusammen mit dem Medinetz Hannover weiter ausgearbeitet.

Kindheit in Krisenzeiten

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Klimakrise, Pandemie, Krieg und Atomwaffen. Seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs keine Generation in Deutschland auf, deren Zukunftsaussichten derart unsicher waren. Dabei ist schon die Gegenwart für viele Kinder und Jugendliche nicht erst seit Corona  kein Zuckerschlecken mehr.

 

Seit mehr als zwei Jahren wird in Deutschland ein Experiment an Kindern und Jugendlichen durchgeführt, dessen Folgen erst allmählich ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft sickern. Kita- und Schulschließungen und vor allem die massiven Kontaktbeschränkungen haben in erheblichem Maß die Bedürfnisse von Kindern verletzt und unabsehbare Schäden verursacht. Mehr als alle anderen Altersgruppen wurden die jüngeren von den Corona-Maßnahmen getroffen, obwohl sie am wenigsten durch COVID-19 gefährdet waren.

Corona und die Folgen

Tatsächlich spielten die Bedürfnisse und Gefährdungen von Kindern bei den berüchtigten Bund-Länderberatungen zu den Corona-Maßnahmen denn auch kaum eine Rolle, wie Silke Fokken in ihrem jüngst (März 2022) erschienenen Buch „Krisen Kinder“ anmerkt. Und Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal betont: „Seit Beginn der Corona-Krise in Deutschland wurden elementare Schutz‑, Fürsorge- und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen verletzt“. Mit erheblichen Auswirkungen, wie sich nun zeigt.

So bilanzieren die inzwischen drei COPSY-Studien des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) eine deutliche Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Corona-Maßnahmen. Im zweiten Jahr haben Ängste und Sorgen bei den Kindern noch einmal deutlich zugenommen. Sie zeigen häufiger depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen oder Schlafprobleme. Insgesamt weisen die einschlägigen Studien zu diesem Thema deutlich wachsende psychische Belastungen, ein vermindertes Wohlbefinden und eine geringere Lebensqualität bei Sieben- bis 17-Jährigen nach.

Hinzu kommen Belastungen, die noch gar nicht abzusehen sind, etwa durch den versäumten Unterricht. Der Stoff muss irgendwann nachgeholt werden und wer das nicht schafft, vielleicht weil er oder sie länger mit den psychischen Problemen zu kämpfen hatte, fällt wohl durchs Raster. Schlechtere Noten, schlechtere Abschlüsse – wenn überhaupt: Vor Corona verließen mehr als 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, bald könnten es nach Schätzungen doppelt so viele sein, wie Fokken berichtet.

Wächst hier also eine Generation Corona heran? Der Bildungsökonom Dieter Dohmen und der Jugendforscher Klaus Hurrelmann geben hier eine differenzierte Antwort. Betroffen von der Pandemie und den Einschränkungen durch die Maßnahmen seien alle Kinder und Jugendlichen gewesen. Allerdings gelinge es ihnen in sehr unterschiedlichem Maß, mit diesen Belastungen umzugehen und sie zu verarbeiten. Und das hat sehr viel mit dem Umfeld und dem sozioökonomischen Status der Familien zu tun.

Die Pandemie verschärft schon bestehende soziale und psychische Problemlagen, soweit sind sich die Studien, die auf derlei ein Auge werfen, schon einig. Es sind also besonders Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien betroffen. Und das sind nicht wenige: jedes fünfte Kind gilt nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes in Deutschland als arm, 20,2 Prozent leben von Leistungen auf Grundsicherungsniveau. Das sind 2,8 Millionen Kinder. Annette Stein von der Bertelsmann Stiftung fürchtet, dass sich infolge der Pandemie diese Notlage weiter zugespitzt haben dürfte und fordert vorliegende Konzepte zur Bekämpfung der Kinderarmut endlich umzusetzen. Dazu zähle insbesondere eine Kindergrundsicherung.

Armutsbetroffene junge Menschen werden durch die Pandemie-Maßnahmen immer weiter abgehängt. Im Vergleich zu Gleichaltrigen mangelt es ihnen zu Hause an entsprechender Ausstattung für das Homeschooling, sie verfügen über weniger Platz, begrenztere Erfahrungs- und Erlebnisräume und erhalten weniger Unterstützung seitens der Eltern oder des sozialen Umfeldes. Besonders sie leiden unter der Einschränkung der Kinder- und Jugendhilfeangebote. Das lenkt den Blick auch auf die ungenügende Ausstattung und teils maroden Zustände der Schulen, auf fehlende Lehrkräfte und Sozialarbeitende.

Ohnmachtsgefühle

Zu den Studien, die auch die sozioökonomischen Verhältnisse berücksichtigen, zählt die JuCo (Jugend und Corona)- Reihe I-III der Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main. Zwischen Mai 2020 und Februar 2022 haben an drei Umfragen jeweils 6.000 bis 7.000 junge Menschen ab 15 Jahren teilgenommen. Die Befunde zeichnen ein deutliches Bild von den zunehmenden Belastungen der Jugendlichen. So erklärten in der Studie JuCo II von allen Jugendlichen, die eigene finanzielle Sorgen haben, 25,9 Prozent unter psychischen Belastungen zu leiden. In der Nachfolgestudie JuCo III sind es bereits 34,1 Prozent. Auch die Zukunftsangst ist bei jungen Menschen mit finanziellen Sorgen von 32,4 Prozent (JuCo II) auf 41,1 Prozent in JuCo III gestiegen.

Eine repräsentative Umfrage der Generationen Stiftung anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl 2021 zeigt: Junge Menschen fühlen sich von der Politik ignoriert und nicht vertreten. Bei über 70 Prozent der Befragten hat das Vertrauen in die Politik in den letzten vier Jahren stark gelitten. 83,4 Prozent sagen, dass die derzeitige Regierung die Interessen junger Menschen trotz vieler Proteste in den letzten Jahren ignoriert. Mehr als die Hälfte fühlt sich von keiner der zur Wahl stehenden Parteien vertreten.

Auch in den JuCo- Studien beklagten die befragten Jugendlichen zu rund 70 Prozent, die Situation von jungen Leuten sei der Politik nicht wichtig. Nicht gehört zu werden wird jedoch als Ohnmachtsgefühl wahrgenommen. Das Deutsches Jugendinstitut (DJI) warnt: „Das schon im vergangenen Jahr weit verbreitete Gefühl, von der Politik nicht gehört zu werden, könnte fatale Folgen für die Einstellungen junger Menschen zur Politik haben und Politikverdrossenheit befördern. Umso wichtiger ist es, jetzt gegenzusteuern und Jugendlichen eine Stimme im Prozess der Krisenbewältigung zu geben.“

„Kinder und Jugendliche in der Pandemie haben das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle mehr über sich selbst. Auch keine Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu steuern und zu planen und fallen deswegen in ein psychisches Loch, wo sie Unterstützung und Hilfe brauchen. Je empfindsamer, je pessimistischer, je übervorsichtiger die jungen Leute schon vor der Pandemie waren, desto stärker sind sie jetzt betroffen,“ sagt Klaus Hurrelmann.

Verlust der Zukunft

Im November 2020 erklärten über 45 Prozent der Befragten der zweiten JuCo-Studie Angst vor der Zukunft zu haben, weitere 23 Prozent gaben an, teilweise Zukunftsängste zu haben. Es sind die ganz großen Zukunftssorgen, welche die jungen Leute umtreiben, schreibt Jugendforscher Simon Schnetzer. In seiner jüngsten Trendstudie „Jugend in Deutschland – Winter 2021/22“ bereiten 56 Prozent der Befragten der Klimawandel Sorgen, der Zusammenbruch des Rentensystems 48 Prozent und die Folgen einer Inflation 46 Prozent. Die in der letzten Erhebung im Sommer 2021 dominierende Spaltung der Gesellschaft treibt aktuell 44 Prozent um.

Ein ähnliches Bild zeigt eine internationale Studie unter mehr als 10.000 Jugendlichen weltweit. Mehr als die Hälfte der Kinder und jungen Erwachsenen hat Angst vor der Klimakrise. Demnach stimmten 75 Prozent der Aussage zu, „die Zukunft ist beängstigend“ zu, mehr als die Hälfte (55 Prozent) meint, sie hätten weniger Chancen als ihre Eltern. Und 56 Prozent der Befragten glauben, dass die Menschheit „dem Untergang geweiht“ sei.

Und das war alles vor dem Krieg in der Ukraine. Erstmals seit Jahrzehnten ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt, ist sogar der Einsatz von Nuklearwaffen nicht mehr undenkbar. Was wird das für unsere Kinder bedeuten? Wie werden sie unter dieser neuen Bedrohung aufwachsen (und die Pandemie ist noch nicht vorbei). Wer wird ihnen dabei helfen? Fragen, auf die wir nicht erst in ferner Zukunft Antworten finden müssen.

Ulrich Matthias