Bach statt Putin

Foto: Sammy Hart / Deutsche Grammophon

 Elisabeth „Lisa“ Batiashvili gehört zu den größten Geigerinnen der Gegenwart. Die gebürtige Georgierin arbeitet mit Dirigenten wie Daniel Barenboim und tritt mit den berühmtesten Orchestern auf. Sie hat mit uns über Putins Krieg und seine Krise, über Freiheit, Kultur und die Verantwortung von KünstlerInnen gesprochen.

 

Frau Batiashvili, wie schaffen Sie es, in diesen unruhigen Zeiten zur Ruhe zu kommen?

 

Seit Ausbruch des Krieges bin ich noch nicht zur Ruhe gekommen, weil dieser Stress mich sehr belastet. Meine Verbindung zur Ukraine geht zurück in meine Kindheit. 1989 habe ich an einem Wettbewerb in Odessa teilgenommen. Seit der Annexion der Krim versuche ich aktiv, meine Solidarität mit der Ukraine auszudrücken und die Wahrnehmung für dieses Thema in der Gesellschaft zu schärfen. Ich habe ein paar Menschen erreicht, aber insgesamt war es ein einsamer Kampf.

 

Sie haben Wladimir Putin schon lange vor dem Überfall auf die Ukraine einen Kriegsverbrecher genannt.

 

2008 gab es bereits den russischen Einmarsch in Georgien. Wir hatten das Glück, dass der Krieg nur fünf Tage dauerte und der Schaden nicht so immens war wie in der Ukraine. Wir mussten Putin einen Teil unseres Landes opfern. Mit dieser Destabilisierung hatte er sein Ziel erreicht. Die Ukraine ist aufgrund ihrer Größe ein noch wichtigeres Land als Georgien für ihn. Er bestraft sie, weil sie im Februar 2014 eine heldenhafte Revolution gegen Wiktor Janukovytsch entfacht hat. Eine Million Menschen standen mitten im Winter in den Straßen und auf dem Maidan und wollten nicht mehr nach Hause gehen. Nach viel Blutvergießen ist es ihnen gelungen, sich von diesem System zu befreien. Heute bestraft Putin die Ukrainer immer noch. Wer die Macht hat, in solch einem großen Land wie Russland alles selbst zu entscheiden, muss zwangsläufig verrückt werden und solche Taten begehen.

 

Was glauben Sie, warum hat es nach dem Überfall Russlands auf Georgien, der Annexion der Krim und der Bombardierung Syriens keine flächendeckenden Proteste gegen Putin gegeben?

 

Mit dieser Frage lebe ich seit Jahren. Jetzt wachen die Leute endlich auf und protestieren, aber eigentlich ist es schon zu spät. Seine Truppenaktivitäten in den letzten zwei Monaten vor dem Einmarsch haben wir nur zur Hälfte wahrgenommen. Uns war nicht bewusst, zu welchen Taten dieser Mensch fähig ist. Die ganze Gesellschaft – die Politiker, die Geschäftsleute, die Sportler, die Musikwelt – hat dafür gesorgt, dass Putin so mächtig geworden ist, weil sie zu sehr mit ihm vernetzt war. Die Ukraine schützt gerade unsere Werte und muss auch für unsere Fehler büßen. Wir haben diesem tollen Land nicht rechtzeitig die Chance gegeben, Teil unserer großen europäischen Familie zu sein. Frau Merkel hat das Thema immer verschoben, weil sie auch Angst vor Putin hatte.

 

„Wenn man irgendwo hinkommt, wo es keinen Krieg gibt, dann ist das schon ein ganz großes Glück“, lautet ein Statement von Ihnen. Wird eine friedliche Welt immer eine Utopie bleiben?

 

Naja, wir haben es bis vor Kurzem geschafft, für viele Jahre in Westeuropa keinen Krieg gehabt zu haben. Leider ist der Mensch alles andere als perfekt. Seine böse und habgierige Seite ist ein Problem. Unser Erinnerungsvermögen greift einfach zu kurz. Die Geschichte gibt uns Signale, aber wir reagieren nicht darauf, weil wir vieles verdrängen oder denken, dass es jetzt anders ist. Jeder von uns ist generell sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Wir haben uns zwei Jahre lang mit keinem anderen Thema beschäftigt als Corona. Nichts hatte bei uns mehr Platz. Aber auf einmal merken wir, dass es noch viel gefährlichere Probleme gibt. Man darf sich nicht nur auf eine Sache konzentrieren, sondern man muss immer wachsam bleiben. Putin hat diese Zeit genutzt. Er kann die Menschen im Westen gut einschätzen. Wahrscheinlich kennt er uns besser als wir ihn.

 

Aber sein „Brudervolk“ in der Ukraine scheint er nicht so gut zu kennen wie geglaubt. Wir können jetzt dabei zusehen, wie die Ukrainer sich auch für unsere Freiheit opfern.

 

Das ist für Putin eine Überraschung. Er hatte gehofft, dass er innerhalb von 24 Stunden das Land einnimmt und die Ukraine kapituliert. Aber wahrscheinlich hat er genug militärische Reserven, um das Land außer Kontrolle zu bringen. Momentan sind wir in der Situation, dass wir die Ukraine opfern, wenn wir nicht eingreifen. Sie wird es aus eigener Kraft nicht schaffen, die immer wieder reinrollenden russischen Kolonnen zu eliminieren. Wir haben uns womöglich mit diesem Gedanken schon abgefunden, weil wir einen Weltkrieg unbedingt vermeiden wollen. Ich frage mich: Ist jemand in einem psychischen Zustand wie Putin, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Welt zu terrorisieren, fähig, trotz allem den roten Knopf zu drücken? Es gibt die Regel, wenn du es nicht machst, mache ich es auch nicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob Putin sich noch an irgendetwas hält. Dieser Mann hat entschieden, den Weg bis zum Ende zu gehen.

 

Vielleicht kann sein engster Kreis ihn ja noch stoppen.

 

Das wäre die beste Lösung. Aber auch das Volk hat eine Stimme. Ob die Menschen in Russland überhaupt bereit sind, gemeinsam diesen Mut aufzubringen trotz drohender Festnahme, weiß ich nicht. Aber wenn sie es nicht tun, geht der Terror nie zu Ende. Der letzte Volksaufstand in Russland vor über 100 Jahren wurde von Lenin angeführt. Seitdem haben sie dort dieses undemokratische System, bei dem Anführer bis ans Ende ihres Lebens im Amt bleiben können. Die Russen wissen gar nicht, wie ein Umbruch aussieht abgesehen von dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der gegen den Willen des Volkes geschah. Deshalb frage ich mich, ob das Volk jetzt bereit ist für eine Veränderung.

 

Das Volk wird ja belogen. Russische Staatsmedien stellen den Krieg gegen die Ukraine als Befreiungsschlag gegen ein von „Faschisten“ gesteuertes Regime dar.

 

Das Problem ist, dass die Menschen in Russland erfolgreich manipuliert werden. Ich erlebe das täglich, denn ich bin sehr aktiv in den sozialen Medien. Man muss die Leute aufklären. Momentan sind sie leider von allen unabhängigen Informationsquellen abgeschnitten, aber ich habe generell Vertrauen in die junge Generation. Ich beobachte hier und auch in Georgien, dass Kinder heutzutage viel mehr wissen als es früher der Fall war. Junge Menschen sind viel wachsamer und beschützen viel mehr die Menschenrechte.

 

Weil russische Künstler und Künstlerinnen wie Valery Gergiev und Anna Netrebko nicht auf Distanz zu Putin gehen, werden weltweit ihre Konzerte abgesagt. Darf man Künstler zu solchen politischen Statements zwingen?

 

Dass Künstler nicht politisch sein dürfen, akzeptiere ich nicht. Es geht in der Ukraine auch nicht um Politik, sondern um die Vernichtung von Menschen. Gergiev hat immer zu Putin gehalten und schon zu Zeiten der Annexion der Krim inakzeptable Petitionen unterschrieben. Nachdem Russland die georgische Region Südossetien für unabhängig erklärt hatte, spielte er mit seinem Orchester dort ein Konzert für die Freiheit. Schon damals war sein Doppelspiel inakzeptabel, doch man hat es hingenommen. Ich bin nur ein einziges Mal mit ihm als Dirigenten aufgetreten, und zwar 2014 bei einem Konzert in Rotterdam, wo ich als Reaktion auf ihn ein Requiem für die Ukraine gespielt habe. Im Moment erwarte ich, dass Musiker mehr Haltung zeigen gegenüber dem, was gerade passiert. Diejenigen, die nichts sagen, wollen ihre Zukunft sichern, aber heute ist dafür kein Platz. Nicht nur die Ukrainer, alle Bürger müssen jetzt kämpfen.

 

Sie treten schon seit 2008 nicht mehr in Russland auf. Gibt es dort noch eine unabhängige Konzertszene?

 

Höchstwahrscheinlich nicht. Sogar in Georgien läuft es noch nach dem alten sowjetischen System. Ich glaube, dass es für viele russische Musiker wahnsinnig schwer ist, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Entweder sie machen mit – oder sie machen gar nichts. Für dieses Problem habe ich keine Lösung.

 

Haben russische KünstlerInnen regelrecht Angst davor, sich von Putin loszusagen, weil er sich an ihnen rächen könnte?

 

Ich verstehe nicht, warum diejenigen, die im Westen leben, Angst vor ihm haben. Wenn ich das Glück habe, im freien Teil Europas zu studieren, zu leben und zu arbeiten, dann muss ich auch zu diesen Werten stehen. Egal woher ich komme. Ich kann nicht hier eine und dort eine andere Person spielen. Schauen Sie, wie zum Beispiel der Dirigent Kirill Petrenko reagiert, der in seinem europäischen Leben verstanden hat, was Freiheit ist. Wir müssen versuchen, Menschen, die nicht dieses Gefühl der Freiheit haben, mit ins Boot zu ziehen.

 

Müssen Künstler in Zukunft genauer hinschauen, für wen sie auftreten?

 

Ich war immer so. Natürlich sollte es uns interessieren, für wen wir spielen oder von wem wir uns sponsern lassen. Die Ausrede, Musik sei nicht politisch, hat nichts damit zu tun. Es geht dabei um Haltung. Man muss als Künstler beispielhaft humanistische Werte leben.

 

Wann hat Kultur eine wirkungsvolle Veränderungskraft?

 

Künstler haben nicht die Kraft, politische Entscheidungen zu verändern, aber wir spiegeln die Gesellschaft, eine bestimmte Situation und die Gefühle der Menschen wider. Man muss mit seiner Kunst die Wahrheit erzählen. Wenn ich auf der ganzen Welt vor Menschen spiele, dann möchte ich auch ihre Kultur und ihre Frustrationen verstehen.

 

Sie kamen 1991 nach Deutschland. Wie haben Sie sich als Neubürgerin im Lauf der Zeit an die deutsche Kultur angepasst, ohne Ihre georgische Identität aufzugeben?

 

Einerseits wollte ich so schnell wie möglich Teil dieser Gesellschaft werden, anders kann man nicht glücklich werden in einem neuen Land. Ich habe schon mit 13 Jahren hier und da kleine Konzerte in Deutschland gespielt, aber meine georgischen Wurzeln habe ich nie vergessen. Mein von einem Bürgerkrieg geplagtes Heimatland kannten damals nur sehr wenige, man ordnete es Russland zu. Ich habe dann angefangen, georgische Musik als Zugaben zu spielen. Deutschland hat mir in dieser unruhigen Zeit sehr viel gegeben. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe jetzt eine Stiftung (www.lisabatiashvili-foundation.org) gegründet, mit der ich begabte Musiker/innen aus meiner Heimat unterstütze. Die Deutschen müssen die Länder verstehen, die sich so sehr danach sehnen, Teil der europäischen Familie zu sein.

 

Können Sie als Georgierin gut nachvollziehen, dass in der Ukraine so viele Menschen bereit sind, ihr Leben für die Freiheit zu geben?

 

Ja, weil die Georgier genauso sind! In Georgien ist der Antrieb für die Freiheit sehr viel größer als in einem Land, das seit 75 Jahren frei ist. In Deutschland ist Freiheit selbstverständlich.

 

Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik?

 

Unsere Außenministerin ist zwar noch sehr jung, aber sie hat eine sehr gute Einstellung zur Ukraine. Ich erwarte, dass gerade Europa gegen solch einen Tyrannen wie Putin kämpft, weil Geschichte sich gerade wiederholt.

 

Gibt es eine Musik, die Ihnen in diesen dunklen Zeiten besonders viel Trost spendet?

 

Ich höre und spiele viel Bach, wenn es in der Welt so schlecht zugeht. Das ist fast schon wie Bibellesen. Bachs Musik zeigt auf, dass wir Menschen sehr weit weg vom Perfekten sind und viele Sünden begangen haben. Sie ist zeitlos und hat fast schon eine übermenschliche Kraft.

 

Stellen Sie gerade jetzt fest, dass Musik die Sprache ist, die Völker und Nationen mehr als jede andere Sprache zusammenbringt?

 

Auf jeden Fall. Leute, die in Konzerte gehen, sind meist ganz sensible und kultivierte Menschen. Deswegen sprechen wir Musiker auch einen wichtigen und wertvollen Teil der Gesellschaft an.

 

Hochsensible Menschen nehmen jeden Sinnesreiz stärker wahr – seien es visuelle Reize, Geräusche, Gerüche, Schmerz oder auch die Emotionen anderer Menschen. Sind alle Kreativen hochsensibel?

 

Ich kann nicht für alle sprechen, weil nicht jeder Musiker hypersensibel ist. Ich bin nicht nur als Musikerin so, sondern auch als Mensch. Ich spüre alles hundertfach verstärkt. Musik ist einfach eine unglaubliche Bereicherung für die Seele. Ihre Sprache ist die friedlichste der Welt und versetzt einen in eine andere Dimension. Sie kann sehr starke Botschaften vermitteln. Und dann möchte man daran glauben, dass der Mensch nicht nur Böses tut.

Interview: Olaf Neumann

 

Lisa Batiashvili

Elisabeth „Lisa“ Batiashvili wurde 1979 in Tiflis/Georgien als Tochter eines Geigers und einer Pianistin geboren und studierte in Hamburg und München. Bis heute wurden der Violinistin zahlreiche Preise verliehen, darunter der MIDEM Classical Award, der Schleswig-Holstein Musik Festival Leonard Bernstein Award und der Beethoven Ring Bonn. Batiashvili wurde 2015 von Musical America zur Instrumentalistin des Jahres ernannt und als Gramophone’s Künstler des Jahres 2017 nominiert. Sie lebt in München und spielt eine Joseph Guarneri „del Gesu“ Violine aus dem Jahre 1739, eine Leihgabe eines privaten Sammlers in Deutschland.

Kindheit in Krisenzeiten

Foto: portishead1/iStock.com

Klimakrise, Pandemie, Krieg und Atomwaffen. Seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs keine Generation in Deutschland auf, deren Zukunftsaussichten derart unsicher waren. Dabei ist schon die Gegenwart für viele Kinder und Jugendliche nicht erst seit Corona  kein Zuckerschlecken mehr.

 

Seit mehr als zwei Jahren wird in Deutschland ein Experiment an Kindern und Jugendlichen durchgeführt, dessen Folgen erst allmählich ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft sickern. Kita- und Schulschließungen und vor allem die massiven Kontaktbeschränkungen haben in erheblichem Maß die Bedürfnisse von Kindern verletzt und unabsehbare Schäden verursacht. Mehr als alle anderen Altersgruppen wurden die jüngeren von den Corona-Maßnahmen getroffen, obwohl sie am wenigsten durch COVID-19 gefährdet waren.

Corona und die Folgen

Tatsächlich spielten die Bedürfnisse und Gefährdungen von Kindern bei den berüchtigten Bund-Länderberatungen zu den Corona-Maßnahmen denn auch kaum eine Rolle, wie Silke Fokken in ihrem jüngst (März 2022) erschienenen Buch „Krisen Kinder“ anmerkt. Und Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal betont: „Seit Beginn der Corona-Krise in Deutschland wurden elementare Schutz‑, Fürsorge- und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen verletzt“. Mit erheblichen Auswirkungen, wie sich nun zeigt.

So bilanzieren die inzwischen drei COPSY-Studien des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) eine deutliche Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Corona-Maßnahmen. Im zweiten Jahr haben Ängste und Sorgen bei den Kindern noch einmal deutlich zugenommen. Sie zeigen häufiger depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen oder Schlafprobleme. Insgesamt weisen die einschlägigen Studien zu diesem Thema deutlich wachsende psychische Belastungen, ein vermindertes Wohlbefinden und eine geringere Lebensqualität bei Sieben- bis 17-Jährigen nach.

Hinzu kommen Belastungen, die noch gar nicht abzusehen sind, etwa durch den versäumten Unterricht. Der Stoff muss irgendwann nachgeholt werden und wer das nicht schafft, vielleicht weil er oder sie länger mit den psychischen Problemen zu kämpfen hatte, fällt wohl durchs Raster. Schlechtere Noten, schlechtere Abschlüsse – wenn überhaupt: Vor Corona verließen mehr als 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, bald könnten es nach Schätzungen doppelt so viele sein, wie Fokken berichtet.

Wächst hier also eine Generation Corona heran? Der Bildungsökonom Dieter Dohmen und der Jugendforscher Klaus Hurrelmann geben hier eine differenzierte Antwort. Betroffen von der Pandemie und den Einschränkungen durch die Maßnahmen seien alle Kinder und Jugendlichen gewesen. Allerdings gelinge es ihnen in sehr unterschiedlichem Maß, mit diesen Belastungen umzugehen und sie zu verarbeiten. Und das hat sehr viel mit dem Umfeld und dem sozioökonomischen Status der Familien zu tun.

Die Pandemie verschärft schon bestehende soziale und psychische Problemlagen, soweit sind sich die Studien, die auf derlei ein Auge werfen, schon einig. Es sind also besonders Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien betroffen. Und das sind nicht wenige: jedes fünfte Kind gilt nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes in Deutschland als arm, 20,2 Prozent leben von Leistungen auf Grundsicherungsniveau. Das sind 2,8 Millionen Kinder. Annette Stein von der Bertelsmann Stiftung fürchtet, dass sich infolge der Pandemie diese Notlage weiter zugespitzt haben dürfte und fordert vorliegende Konzepte zur Bekämpfung der Kinderarmut endlich umzusetzen. Dazu zähle insbesondere eine Kindergrundsicherung.

Armutsbetroffene junge Menschen werden durch die Pandemie-Maßnahmen immer weiter abgehängt. Im Vergleich zu Gleichaltrigen mangelt es ihnen zu Hause an entsprechender Ausstattung für das Homeschooling, sie verfügen über weniger Platz, begrenztere Erfahrungs- und Erlebnisräume und erhalten weniger Unterstützung seitens der Eltern oder des sozialen Umfeldes. Besonders sie leiden unter der Einschränkung der Kinder- und Jugendhilfeangebote. Das lenkt den Blick auch auf die ungenügende Ausstattung und teils maroden Zustände der Schulen, auf fehlende Lehrkräfte und Sozialarbeitende.

Ohnmachtsgefühle

Zu den Studien, die auch die sozioökonomischen Verhältnisse berücksichtigen, zählt die JuCo (Jugend und Corona)- Reihe I-III der Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main. Zwischen Mai 2020 und Februar 2022 haben an drei Umfragen jeweils 6.000 bis 7.000 junge Menschen ab 15 Jahren teilgenommen. Die Befunde zeichnen ein deutliches Bild von den zunehmenden Belastungen der Jugendlichen. So erklärten in der Studie JuCo II von allen Jugendlichen, die eigene finanzielle Sorgen haben, 25,9 Prozent unter psychischen Belastungen zu leiden. In der Nachfolgestudie JuCo III sind es bereits 34,1 Prozent. Auch die Zukunftsangst ist bei jungen Menschen mit finanziellen Sorgen von 32,4 Prozent (JuCo II) auf 41,1 Prozent in JuCo III gestiegen.

Eine repräsentative Umfrage der Generationen Stiftung anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl 2021 zeigt: Junge Menschen fühlen sich von der Politik ignoriert und nicht vertreten. Bei über 70 Prozent der Befragten hat das Vertrauen in die Politik in den letzten vier Jahren stark gelitten. 83,4 Prozent sagen, dass die derzeitige Regierung die Interessen junger Menschen trotz vieler Proteste in den letzten Jahren ignoriert. Mehr als die Hälfte fühlt sich von keiner der zur Wahl stehenden Parteien vertreten.

Auch in den JuCo- Studien beklagten die befragten Jugendlichen zu rund 70 Prozent, die Situation von jungen Leuten sei der Politik nicht wichtig. Nicht gehört zu werden wird jedoch als Ohnmachtsgefühl wahrgenommen. Das Deutsches Jugendinstitut (DJI) warnt: „Das schon im vergangenen Jahr weit verbreitete Gefühl, von der Politik nicht gehört zu werden, könnte fatale Folgen für die Einstellungen junger Menschen zur Politik haben und Politikverdrossenheit befördern. Umso wichtiger ist es, jetzt gegenzusteuern und Jugendlichen eine Stimme im Prozess der Krisenbewältigung zu geben.“

„Kinder und Jugendliche in der Pandemie haben das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle mehr über sich selbst. Auch keine Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu steuern und zu planen und fallen deswegen in ein psychisches Loch, wo sie Unterstützung und Hilfe brauchen. Je empfindsamer, je pessimistischer, je übervorsichtiger die jungen Leute schon vor der Pandemie waren, desto stärker sind sie jetzt betroffen,“ sagt Klaus Hurrelmann.

Verlust der Zukunft

Im November 2020 erklärten über 45 Prozent der Befragten der zweiten JuCo-Studie Angst vor der Zukunft zu haben, weitere 23 Prozent gaben an, teilweise Zukunftsängste zu haben. Es sind die ganz großen Zukunftssorgen, welche die jungen Leute umtreiben, schreibt Jugendforscher Simon Schnetzer. In seiner jüngsten Trendstudie „Jugend in Deutschland – Winter 2021/22“ bereiten 56 Prozent der Befragten der Klimawandel Sorgen, der Zusammenbruch des Rentensystems 48 Prozent und die Folgen einer Inflation 46 Prozent. Die in der letzten Erhebung im Sommer 2021 dominierende Spaltung der Gesellschaft treibt aktuell 44 Prozent um.

Ein ähnliches Bild zeigt eine internationale Studie unter mehr als 10.000 Jugendlichen weltweit. Mehr als die Hälfte der Kinder und jungen Erwachsenen hat Angst vor der Klimakrise. Demnach stimmten 75 Prozent der Aussage zu, „die Zukunft ist beängstigend“ zu, mehr als die Hälfte (55 Prozent) meint, sie hätten weniger Chancen als ihre Eltern. Und 56 Prozent der Befragten glauben, dass die Menschheit „dem Untergang geweiht“ sei.

Und das war alles vor dem Krieg in der Ukraine. Erstmals seit Jahrzehnten ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt, ist sogar der Einsatz von Nuklearwaffen nicht mehr undenkbar. Was wird das für unsere Kinder bedeuten? Wie werden sie unter dieser neuen Bedrohung aufwachsen (und die Pandemie ist noch nicht vorbei). Wer wird ihnen dabei helfen? Fragen, auf die wir nicht erst in ferner Zukunft Antworten finden müssen.

Ulrich Matthias