Wie alles begann...

August 1994: Das Elend auf Hannovers Straßen ist groß , vielfältig und vor allem sichtbar. Eine neue soziale Frage stellt sich. Asphalt soll Antwort auf die materielle Not der Obdachlosen und auf ihre Sprachlosigkeit sein. Ein Zwitterwesen von Anfang an: Medium und soziales Projekt. Ein Interview mit Asphalt-Gründer Walter Lampe (†) und eine Situationsbeschreibung erzählen von damals. Wie alles begann… 

„Freiheit zum Tun“

Er war der Vater von Asphalt. Der langjährige Diakoniepastor Walter Lampe (†) in seinem letzten Interview über die Gründungstage, über Dankbarkeit, Freundschaft und das Notwendige. 

Lieber Walter Lampe, wie erinnerst du dich an die Anfänge von Asphalt? Damals 1994.

Chaotisch aber höchst engagiert, so kann man das zusammenfassen. Da trafen ganz unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Menschen aus der Wohnungslosenszene um Karin Powser auf der einen Seite und auf der anderen Seite wir von der Diakonie. Das war teils sehr impulsiv. Die einen reklamierten so etwas wie „Fachwissen Straße“, nur die andere Seite aber wusste vom professionellen Handwerkszeug für ein soziales Projekt und Medienarbeit.

Die Leute aus der Szene hatten ihre jeweils eigene, häufig schlimme Geschichte mitgebracht.

 Und genau deshalb musste ich immer wieder vermitteln. Aber es ging ja um was. Das wussten alle, und so haben sich alle Beteiligten immer wieder zusammengerauft. Damit war Asphalt von Anfang an schon intern das, was es auch in der Öffentlichkeit sein sollte: ein Brückenprojekt zwischen höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Ein Respektprojekt. Da war sehr viel starker Wille zum Erfolg zu spüren. Bei allen Beteiligten. Vorneweg bei Insa Becker-Wook vom Stadtkirchenverband und Höpfner und Grünberg von der H.I.o.B. [Hannoversche Initiative obdachloser Bürger] oder auch bei der erfahrenen Journalistin im ersten Team, Angelika Zahorka. 

Eine Bildzeitungsjournalistin. Das überrascht sicher viele. Wie kam es damals dazu?

Da müssen wir uns im Nachhinein nochmal bei Ann-Kathrin Berger bedanken, die damals die Redaktion der Bild in Hannover leitete. Wir hatten damals alle Zeitungen und Sender in Hannover besucht, um unser Straßenzeitungskonzept vorzustellen. Alle waren wohlwollend, viele aber auch skeptisch. Frau Berger aber hat uns gleich tatkräftig unterstützt, indem sie die Redakteurin Zahorka für Asphalt für einige Stunden freigestellt hatte. 

Wer hat damals eigentlich den Namen Asphalt erfunden?

Alle, die dabei waren. Wir hatten im Vorfeld mehrere Sitzungen, auch zur Namensfindung. Da gab es ganz unterschiedliche Vorschläge: zum Beispiel „Brücke“, „Pflasterstrand“, „Platte“, Asphalt“. Die Vorschläge waren allesamt sehr kreativ, einer schlug als Name sogar „Schröder“ vor, Aber das konnte man natürlich nicht machen. Unser Ministerpräsident hieß zu der Zeit ja Gerhard Schröder. Das wäre vermutlich doch zu unhöflich gewesen (lacht).

Ist das auch der Grund dafür, warum ihr bei der Erstausgabe dann doch nicht die eigentlich geplante Titelgeschichte zu Schröder und Punks gebracht habt? Der Titel im September 1994 machte ja mit dem Thema Kinderarmut auf.

Das weiß ich nicht mehr. Das waren einfach zwei originelle Vorschläge. Kann aber auch sein, dass die erste Ausgabe dann doch nicht gleich einen Konflikt produzieren sollte. Es waren ja gerade mal wieder Chaostage gewesen in Hannover. Letztlich ist das das Besondere an einer Straßenzeitung: Wir wollten, dass Asphalt als Medium wahrhaftigen Journalismus macht, brauchten aber auf der anderen Seite natürlich auch die Unterstützung aus Politik und Gesellschaft.

Ein Spagat bis heute.

Wie ich das über die Jahre wahrgenommen habe, gelingt euch das immer noch ganz gut.

Danke. Du sagst, Asphalt brauchte viele Unterstützer. An wen oder was erinnerst du dich noch besonders?

Da waren so viele, die Marktkirchengemeinde zum Beispiel. Ich weiß noch genau wie Insa Becker-Wook die erste Schreibmaschine für Asphalt von dort durch die Stadt zur Redaktion getragen hatte. Die erste Geldspende und einige Technik kamen vom Kaufhaus Brinkmann. Ohnehin ist Asphalt wegen des besonderen Vertriebsweges, der im Grunde ja Sozialarbeit ist, regelmäßig auf Spenden angewiesen. Und das ist schon eine tolle Sache, dass die Stadtgesellschaft das Projekt so gut akzeptiert und über all die Jahre getragen hat.

Und da ist natürlich Herbert Schmalstieg. Ohne seine Zusage, die Verdienste der Verkäufer nicht auf die Sozialhilfe anzurechnen, wäre Asphalt vermutlich sofort wieder eingegangen. Die vielen Verkäufer waren ja hoch motiviert, wollten endlich etwas tun. Wenn man sofort jeden Pfennig angerechnet hätte, wäre jede Eigeninitiative der Obdachlosen sofort erstickt worden. Das hatte Schmalstieg damals klar erkannt.

Politik braucht Pragmatismus?

In jedem Fall. Verwaltung auch. Ideen, Offenheit und vor allem Findigkeit. Findigkeit, um trotz aller bestimmt auch immer notwendigen Vorschriften und Gesetze trotzdem einen guten Weg für eine Sache zu finden. Wissen um das Notwendige und Sinn für das Machbare. So habe ich es selbst auch immer gehalten.

Und Asphalt war notwendig?

Unbedingt ja.

Wie war denn die soziale Situation damals Anfang der Neunziger, als ihr Asphalt gegründet habt?

Oben Hummer unten Kummer. So habe ich das mal zusammengefasst. Oben war beispielsweise die Galerie Luise, unten war die Passerelle. Zwei Welten. Hier diejenigen, denen es sehr gut ging. Dort die Stadtstreicher, die Junkies und Dealer. Und die da unten in der Passerelle, das waren quasi die Entbehrlichen der modernen Arbeitsgesellschaft, das war ja überhaupt nicht immer selbstverschuldet. Das sah aber keiner. Wir sahen oft nur irgendwelchen Müll in den Häuserecken, erst bei genauerem Hinsehen wurde klar, das war kein Müll, das waren Notbetten aus Plastiktüten und Pappe. Das waren Zuhause, in denen die Berber ihr gesamtes Hab und Gut verstaut hatten. Diese Armut war demütigend. Nicht nur für die Betroffenen, für ganz Hannover.

Asphalt sollte darauf eine Antwort sein?

Ja, ich erinnere mich noch gut an die Weihnachtsfeier der H.I.o.B. Im Dezember 1993 traf ich dort deren damaligen Wortführer Rolf Höpfner. Wir hatten schon von solchen Ideen aus Hamburg und anderswo gehört und kamen überein, eine Straßenzeitung für Hannover gründen zu wollen. Eine Monatszeitung, die von Wohnungslosen verkauft werden sollte und die Berichte über ihre Situation enthalten sollte. Für mich war zudem ganz besonders entscheidend, dass solch ein Projekt eine damals zunehmende Sprachlosigkeit in der Stadt, diese Distanz zwischen den Welten überbrücken helfen könnte. In den Kleiderkammern der Stadt hatte ich oft den Eindruck, dass die Hilfesuchenden beim Erhalt der Kleidung ein Gefühl von Abhängigkeit und Angewiesensein auf ‚Gnade‘ der Geber hatten. Nur gute Betreuung zu gewähren, reicht deshalb nicht. Das gilt übrigens damals wie heute. Mein Anspruch war immer, jeden Hilfesuchenden in seiner unveräußerlichen Würde zu sehen, damit er ein menschenwürdiges Dasein führen kann. Dieses Zeitungsprojekt bot eine Chance zur Realisierung des Anspruchs.

Inwiefern?

Wir hatten in diesen Jahren ein Klima der Teilnahmslosigkeit und Entsolidarisierung, das was Pasolini mal die Degeneration der Nächstenliebe genannt hatte. Ich habe es nochmal nachgeschaut: Wir zählten damals 4.000 Obdachlose in der Stadt, 30.000 Alkoholkranke, 200 Suizide, mehr als 20 Drogentote. Materielle Armut hat ihre schweigende, oft unsichtbare Schwester in der psychischen Verelendung, der Zerstörung der Seele. Diese Seele kann durch ein zugewandtes Gegenüber heilen. Wenn sich der Obdachlose anstelle von unten nach oben zu betteln, aufrichtet und auf Augenhöhe eine Zeitung verkaufen kann, dann beginnt dieses Zugewandtsein. Betteln zerstört die Selbstachtung, der Verkauf von Asphalt stärkt das Selbstvertrauen, weil die Kommunikation auf der Straße und das Studieren der Heftinhalte all unsere Vorurteile abbaut. Armut hat vier Gesichter: Demütigung, Scham, Isolation und Sinnlosigkeit. Asphalt bekämpft das. Genau dafür waren wir von Anfang an unterwegs. Beispielhaft ist da ein Mittagessen bei den Rotariern im Luisenhof. Auf dem Weg dorthin ging ich durch die Stadt, sprach mit all den Asphalt-Verkäufern. Um an Ende in dem honorigen Club selbst um Spenden zur Unterstützung von Asphalt zu werben. Das hat sehr gut geklappt, eben weil endlich diese Kommunikationsebene zwischen den beiden Welten gefunden war. 

„Das Gewissen von Hannover“ hat dich die NP-Journalistin Vera König damals genannt, seitdem haftet dir der Titel an. Wie lebt es sich mit solch einer Auszeichnung?

Die Arbeit funktioniert nur, wenn die Person, die die Arbeit macht, von der Persönlichkeit her ein glaubwürdiges Bild abgibt. Glaubwürdigkeit spiegelt sich darin wieder, dass man als der identifiziert wird, der man auch ist. Ich habe mir die Freiheit genommen, das zu tun, was ich für richtig erachtet hatte. Freiheit und Evangelium sind zwei synonyme Begriffe.

War dir wichtig, dass Asphalt frei und nicht Teil des Diakonischen Werkes ist?

Ganz wichtig sogar. Asphalt hätte nicht die Entwicklung genommen, die es jetzt 25 Jahre genommen hat, wenn es als offizieller Teil der Kirche wahrgenommen worden wäre. Das liegt auch daran, dass viele Leute, auch innerhalb der Szene, auf Distanz zur Kirche sind. Aber Asphalt soll ja Menschen zusammenbringen, Gräben überbrücken. Das klappt nur durch weitgehende Unabhängigkeit. Unabhängigkeit kann Vertrauen schaffen. 

Wie ist dein persönliches Verhältnis zur Kirche.

Kritisch aber mit viel Empathie.

Kritisch?

Nun, Kirche kann nur Kirche sein, wenn sie diakonisch ist. Nicht alle haben das schon verstanden. Aber ich bin da zuversichtlich. 

Dir ist zweifelsohne vieles Diakonische gut gelungen in deinen Jahren als Diakoniepastor, nicht nur Asphalt. Was braucht man dazu? Gott oder ein gutes Händchen?

Man braucht eine Basis. Meine Basis ist stets dieses in Gott geborgen sein. Und Leitgedanke ist immer die goldene Regel der Bergpredigt.

Der kategorische Imperativ?

Ja, der ist ähnlich und richtig.

Und wie hilfreich war die Stadiontruppe für all die guten Entscheidungen.

Ach, die Stadiontruppe. Ins Stadion bin ich gegangen, weil ich mich einfach für Fußball interessiert habe. Eigentlich bin ich ja immer schon HSV-Fan. Aber hier war halt 96, nunja, das ist auch ein ordentlicher Verein. (lacht.)  Aber im Ernst: Wir haben dort nur zusammen Fußball geguckt. Die Truppe hatte einfach das gemeinsame Interesse. Die sozialen Projekte sind nicht im Stadion entschieden worden.

Mit wem hast du denn da zusammengestanden?

 Thomas Walter [ehemals Sozialdezernent, Red.] gehörte dazu, Stephan Weil, auch Hans-Martin Heinemann [Stadtsuperintendent, Red.].

Deine Freunde?

Wenn man so will ja. Man muss immer vorsichtig mit solchen Begriffen sein. Ich möchte niemandem schaden und ich will auch nicht, dass es für andere so wirkt, als sei da irgendetwas nicht korrekt gewesen.

Walter ist CDU-Mitglied, Weil SPD. Ich glaube nicht, dass man da Böses denken kann.

Entscheidend bei Freundschaft auf diesen Ebenen ist ohnehin, ob sie bleibt, wenn man seine Funktion nicht mehr hat. Das Schöne ist, dass sie geblieben sind. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Stephan Weil und mir mal kurz hintereinander von irgendwoher im Stadion Bierbecher an den Kopf geflogen sind. Durchaus schmerzhaft war das. Solche Erlebnisse verbinden doch (lacht). Aber auch zu einigen alten Asphalt-Verkäufern gibt es diese freundschaftliche Verbindung noch. Das erfüllt mich ganz besonders. Vor wenigen Wochen erst war ich in der Altstadt unterwegs, kam dort mit meiner Krücke nicht klar. Da hat mich ein Asphalt-Verkäufer gestützt und hat mich so bis runter zur U-Bahn begleitet.

Die Krücke ist nötig wegen deiner Parkinsonerkrankung, um damit noch ein wenig am Stadtleben teilhaben zu können. Haderst du mit deinem Glauben aufgrund der Erkrankung?

Natürlich bin ich manchmal sauer, richtig sauer, wenn mir wieder mal bewusst wird, dass diese Krankheit so überhaupt keine Perspektive hat. Es gibt keine Aussicht auf Besserung, aber ich weiß mich vom Glauben getragen. Gleichzeitig ist das schon eine heftige Anfrage an mich selbst.

Walter Lampe, ich danke herzlich für das Gespräch.

Interview: Volker Macke 

Walter Lampe, Asphalt-Gründer und langjähriger Herausgeber, wird im November 78 Jahre alt. Seit 1972 lebt er in Hannover. War zunächst Gemeindepastor im Stadtteil Wettbergen, von 1980 bis 1989 Stadtjugendpastor und leitete von 1989 bis 2007 Diakonische Werk Hannover. Und war damit nach eigenem Bekunden der einzige Pastor der Landeskirche, der die ganze Laufbahn lang im gleichen Pfarrhaus wohnen durfte. Als Diakoniepastor gründete er die erste Housing-First-Hilfe „Soziale Wohnraumhilfe (SWH)“, die Obdachlosenkrankenwohnung „Kurve“, das soziale Kaufhaus „FairKauf“, nicht zuletzt Asphalt. 2012 gab er – krankheitsbedingt – die Herausgeberschaft von Niedersachsens großer Straßenzeitung dann in andere Hände. Seitdem lebt er ­weitgehend zurückgezogen mit seiner Frau Doris weiterhin in Wettbergen.   

Die Situation 1994

Steigende Zahlen obdachloser Menschen, grassierende Wohnungsnot, massive Drogenprobleme. Das war Hannovers City Anfang der 90er. Demütigungen und Vertreibungen waren die Folge.

Der Obdachlosen-Kontaktladen „Mecki“ sollte weg. Damals Anfang der Neunziger in Hannover. Zu viel Schmutz, zu viel Unansehnlichkeiten dort hinten am Raschplatz. Auch das Drogenberatungscafé Connection sollte bestenfalls ebenfalls weichen. Sie wolle ihr „Eigentum schützen“, ließ sie verlautbaren – die damalige schwedische Eignerin der Areale, die Firma Compass, hatte für Raschplatz und Passerelle, wie die heutige Niki de Saint Phalle-Promenade damals genannt wurde, deutlich anderes vorgesehen. Eine Aufwertung. Irgendwie. Es gab Pläne. Und Widerstände. Auf den Namen „Pennerelle“ hatten die Obdachlosen die unterirdische Einkaufsstraße unter dem Bahnhof – nicht ohne Selbstironie – von sich aus längst getauft. Sie war ihr Zuhause, denn ein anderes hatten sie nicht.

9000 ohne Wohnung – 600 „auf  Platte“

Obdachlose und Junkies waren zahlreich und vor allem noch gut sichtbar im Hannover der frühen Neunziger Jahre. Vor und hinter dem Hauptbahnhof und links und rechts daneben. Ob es 8.000, 9.000 oder schon 13.000 ohne eigene Wohnung in der Stadt waren seinerzeit, ist nicht gesichert. Damals wie heute wurde beinahe alles gemessen, gezählt und erfasst, selbst der Karpfenfang vom Maschsee. Nicht aber Menschen ohne Dach überm Kopf. Also wurde (und wird bis heute) geschätzt. Von 9.000 Wohnungslosen und mindestens 600 Menschen, die „regelmäßig Platte machen“, sprach das Diakonische Werk gegenüber den örtlichen Tageszeitungen damals. Gescheiterte Glücksritter aus den seinerzeit einigermaßen perspektivlosen fünf neuen Bundesländern waren vielfach darunter und Süchtige aus dem gesamten Bundesgebiet, die dem günstigen Heroin in die damalige Drogendrehscheibe Hannover gefolgt waren. „Immer mehr Wohnungslose verelenden auf der Straße“ titelte die Hannoversche Allgemeine (HAZ). „Das trostlose Leben der Obdachlosen in Hannover“ überschrieb die Neue Presse eine ganzseitige Reportage. Die Zeitungen berichteten von Mangelernährung, Infektionen, Hauterkrankungen, unbehandelten Wunden, von Schwächezuständen und fehlenden Zugängen zu ärztlicher Versorgung für die rasant wachsende Zahl obdachloser Menschen. Und von Hoffnungen des damaligen Sozialdezernenten der Landeshauptstadt. Nicht von politischen Vorhaben oder Entscheidungen. Nein, nur von Hoffnungen, „denn die städtische Kasse enthält für zusätzliche soziale Aufgaben kein Geld“, so eine HAZ-Reporterin im Juni 1993. 

Die Passerelle : Widerstreitende Interessen   

Für die Passerellen-Manager waren das alles offenbar zu viele Bedürftige, zu viel Tristesse. Private Ordnungstrupps, erst schwarze, wenig später blaue Sheriffs genannt, sollten beim Normal-Hannoveraner für ein Gefühl normaler Sicherheit sorgen und diese 600, wenn sie schliefen, aus den überdachten Gängen und Ecken unter und hinter dem Hauptbahnhof vertreiben. Schlafversuche im Stehen waren bei manchen dieser Berber, wie sich einige von ihnen selbstbewusst nannten, die anklagende Antwort. Studentische und andere Solidaritätsgruppen, viele von ihnen angehende SozialarbeiterInnen der damaligen Evangelischen Fachhochschule, versuchten durch nächtliche Bewachung der Bewacher die täglichen Vertreibungen zu stören. Und Demonstrationen am Raschplatzaufgang zum Kulturzentrum Pavillon sollten die geplante Schließung der Hilfeeinrichtungen verhindern. Die hannoversche City war mit einer neuen sozialen Frage konfrontiert. Das Leben von Obdachlosen und die wachsende Zahl Drogensüchtiger war Kampfgebiet von widerstreitenden Interessen geworden – damals in den frühen Neunzigern.  Hier Studierende und die professionellen Helfer häufig aus dem Hause der Diakonie, dort Geschäfteinhaber, Stadtplaner und furchtsame Passanten. In diese Situation hinein gründete sich eine Hannoversche Initiative obdachloser Bürger (H.I.o.B.), eine Selbsthilfeorganisation, die schon bald mit (Hammer-) Aktionen auf sich aufmerksam machte.

Der Hammer für den Juwelier

Zum Beispiel mit dieser: Das Problem der weiter steigenden Zahl von Menschen könne man nicht einfach wegwaschen, mahnte H.I.o.B.-Aktivistin Karin Powser im September 1993 gegenüber der HAZ, die zum Ortstermin eingeladen worden war. Gerade hatte Powser mit ihren Mitstreitern dem Geschäftsführer eines Goldschmuckgeschäfts in der Georgstraße einen „Hammer des Monats“ für ganz besondere soziale Fehlleistungen überreicht, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Eine Angestellte des Ladens hatte wenige Wochen zuvor einen Obdachlosen, der stetig vor dem Laden campierte, mit einem Eimer Wasser übergossen. Völlig durchnässt trollte dieser sich. Ohne sich zu wehren, ohne sich zu beschweren. Die meisten Obdachlosen nehmen ihre tägliche Erniedrigung klaglos hin. Damals wie heute. Eine Passantin jedoch hatte den Vorfall gemeldet. Und die H.I.o.B. reagierte prompt. Denn sie war angetreten, den stummen Kollegen von der Straße eine Stimme zu geben. Solcherlei Schlagwerkzeuge des Monats wurden damals wie an den Juwelier vielfach verteilt. Natürlich hatte die Passerellen-Firma Compass längst auch einen bekommen. Das Pendant zum „Hammer des Monats“ war die „Don-Quichotte-Medaille“ für besondere soziale Glanzleistungen.  Peter Hansen, damals Chef der Baufirma Gundlach, ist einer der ganz wenigen Preisträger. H.I.o.B.-Chef Rolf Höpfner hatte sie ihm übereicht, weil der linke Immobilien-Mann bei einer europaweiten „Nacht der Wohnungslosen“ im Juni 1993 als einziger Vertreter der hannoverschen Wirtschaft sich nicht zu schade war, mal eine Nacht auf der Straße unter Obdachlosen zu erleben. „Er blieb, wo andere gingen oder erst gar nicht kamen“, lobte Höpfner Hansen seinerzeit gegenüber der Neuen Presse.

Aus den Hiobs-Botschaften wird Asphalt

„Hammer“ und „Medaille“, Lob und Tadel waren die Kernelemente der Hiobsbotschaften, einer kleinen Postille, kaum 100 Exemplare Auflage stark, die die H.I.o.B.-AktivistInnen ab 1993 verteilten und als Wandzeitung an ausgewählte Wände klebten. Aus diesen Hiobsbotschaften entwickelten Höpfner und Co gemeinsam mit Pastor Walter Lampe und seinen MitarbeiterInnen vom Diakonischen Werk Anfang 1994 das Asphalt-Magazin: Auflagenstark und professionell gemacht. Mit Promi-Interviews, Unterhaltung, Rätseln, Politik, Horoskop und Veranstaltungstipps. Der Kern aber blieb: Parteiisch für Obdachlose und Arme, mit Wächterfunktion einerseits, mit Wertschätzung den vielen Helfenden gegenüber andererseits.

Die Wohnungslosigkeit wurde in den Folgejahren gedämpft, manch vorbildliche Hilfeeinrichtung an den Start gebracht, manche Unterkünfte erneuert und ergänzt und endlich auch die Kraft der Prävention entdeckt. Aber immer wieder wurden die Menschen auch an den Rand der Stadt verfrachtet, wurden ‚ihre‘ Bänke mit Mittellehnen verunstaltet oder gar ganz abmontiert, es gab Versuche mit Dauerschallanlagen vor Hausfassaden und mit dem Rückbau von Schlafnischen. Und immer wieder wurden Obdachlose aus ihrem Wohnzimmer, dem Eck hinterm Bahnhof, vertrieben. Bis heute.

Volker Macke