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DW fordert kostenlose Schuldnerberatung

Hannover. 23.028 Menschen haben im vergangenen Jahr eine Schuldnerberatung in einer der 265 Beratungsstellen in Niedersachsen in Anspruch genommen. Das hat jetzt das Sozialministerium mitgeteilt. Der Anteil der Personen in Privatinsolvenz betrug demnach im letzten Jahr rund 11 pro 10.000 EinwohnerInnen. Die Diakonie fordert daher einen bundesweit einheitlichen und kostenlosen Zugang zur Sozialen Schuldnerberatung. „Ob Sprit, Lebensmittel oder Heizkosten – die Preise steigen derzeit rasant. Die Inflation liegt bei fast acht Prozent. Diese Entwicklung beobachte ich mit großer Sorge. Denn wer schon wenig hat, hat durch die Inflation noch weniger. Die Überschuldung ist damit schon fast vorgezeichnet“, so Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen. Anlässlich der aktuellen bundesweiten „Aktionswoche Schuldnerberatung“ der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) fordert Lenke deshalb: „Wir brauchen einen bundesweit einheitlich geregelten und kostenlosen Zugang zur Sozialen Schuldnerberatung für überschuldete Menschen.“ Nicht in allen Kommunen können überschuldete Menschen kostenlose Soziale Schuldnerberatung in Anspruch nehmen. Menschen, die Grundsicherung beziehen, haben einen Rechtsanspruch auf kostenlose Beratung, aber vielerorts sind RentnerInnen, Geringverdienende und Solo-Selbständige oder auch Studierende von Sozialer Schuldnerberatung ausgeschlossen. „Überschuldung ist mehr als ein finanzielles Problem. Sie bedeutet für die Betroffenen existenzielle Ängste, Schamgefühl, soziale Ausgrenzung und gesundheitliche Gefährdung. Unsere mehr als 80 SchuldnerberaterInnen in den regionalen Diakonischen Werken zeigen Perspektiven auf, machen Mut und entwickeln gemeinsam mit den Menschen Lösungen. Das sollte niemandem verwehrt bleiben.“

Seit Jahren stiegen die laufenden Kosten für den Lebensunterhalt, bestätigt das Sozialministerium. Infolge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine ziehen die Energiekosten und die Lebensmittelpreise deutlich an. Sozialministerin Daniela Behrens dazu: „Die vom Bund beschlossenen Entlastungspakete werden beispielsweise die gestiegenen Energiekosten abfedern. Aber sie werden leider nicht ausreichen, um die Preissteigerungen vollends auszugleichen. Besonders Familien mit Kindern oder Alleinerziehende haben immer größere Schwierigkeiten ihre Verbindlichkeiten zu decken, ihren Kindern soziale Teilhabe zu ermöglichen oder gar Rücklagen zu bilden. Teilhabe ist essentiell, um sich als junger Mensch zu entwickeln. Überschuldete Eltern trifft eine mögliche Privatinsolvenz deshalb doppelt hart: sie selbst müssen sich auf ein Minimum beschränken und ihre Kinder haben kaum noch eine Chance, am außerschulischen Leben teilzunehmen. Es ist gut, dass der Bund die Kindergrundsicherung auf den Weg bringen wird. Doch es braucht deutlich mehr Tempo.“

Hintergrund: Verschuldung und Überschuldung sind nicht dasselbe. Wer überschuldet ist, kann von seinem Einkommen die regelmäßig wiederkehrenden Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen, ohne den notwendigen Lebensbedarf zu gefährden. Überschuldung ist existenziell. Sie bedeutet Armut, soziale Ausgrenzung und eine gesundheitliche Gefährdung. Verschuldung dagegen heißt, dass jemand Schulden hat, beispielsweise einen Kredit für ein Haus aufgenommen hat. Er muss deswegen aber keine Zahlungsschwierigkeiten haben.  MAC

 

 

Foto: V. Macke

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